Inventar zur Auflösung des MfS/AfNS

unter besonderer Berücksichtigung der Geschehnisse und Archive in Berlin

 

Hg. Aufarbeitungsverein Bürgerkomitee 15. Januar e.V.1

unter Mitarbeit von Christoph Marschner, Susan-Schmidt-Ehrlich, Detlev Krenz, Projektleitung Christian Booß

 

 

Einleitung

 

Forschungsstand und Unterlagen

Das Thema Stasi-Auflösung gilt zuweilen als ausgeforscht, da es inzwischen nicht wenig Literatur zu diesem Thema gibt.2 Bei genauerer Betrachtung gibt es jedoch erstaunliche Blindflecken. Die bekanntesten Monografien, so verdienstvoll sie sein mögen, sind aus sehr spezifischen Situationen heraus entstanden, bzw. stellen die Ereignisse 1989/90 aus bestimmten Perspektiven heraus dar, was auch meist ihrer Quellenauswahl geschuldet ist. Eine der frühesten Darstellungen basiert auf Vorarbeiten aus der staatlichen Stasi-Auflösungsbürokratie und wurde von zwei Personen, die als Vertreter der Kirche bzw. des Bürgerkomitees Normannenstraße die Zivilgesellschaft beim Auflösungsprozess vertraten, redigiert und herausgegeben.3 Eher publizistischen Charakter trägt ein Band, der schon in der Auflösungszeit selbst in engem Kontakt zu den radikaleren Berliner Stasiauflösern entstand, die sich zunächst in der AG (Staats-)Sicherheit des Zentralen Runden Tisches und seiner operativen Gruppe zusammengefunden hatten, die dann fast bis zur deutschen Einheit innerhalb der staatlichen Strukturen in ständigem Konflikt mit diesen tätig waren.4 Überwiegend mit Unterlagen des MfS/AfNS wurde in einer ausführlichen Monographie Vorgeschichte, Umstrukturierung und Auflösung des Geheimdienstes bis ungefähr zum Ende der Regierung Modrow beschrieben.5 Stärker als diese bezieht eine andere Studie die gesellschaftlichen Prozesse ein, beruht aber stark auf publizistischen Quellen, deren Wahrheitscharakter nicht immer verifiziert ist.6 Fast schon unübersehbar ist die Zahl von Publikationen zu regionalen Geschehnissen, die nicht selten von ehemals in der Stasi-Auflösung engagierten Bürger inspiriert oder gar geschrieben wurden. Auch in zahlreichen autobiographischen Politikererinnerungen, vereinzelt von ehemaligen MfS-Mitarbeitern7 wird das Thema mit abgehandelt.8 Akteurs-geprägte Darstellungen sind oft stark von gängigen Narrativen durchdrungen, ohne die Ereignisse wirklich quellengesättigt zu reflektieren. So ist bis heute immer wieder von den Toren in der Stasizentrale die Rede, die als die Demonstration am 15. Januar 1990 dort begann, geheimnisvoll von Innen geöffnet worden seien,9 obwohl dieser Mythos längst aufgeklärt ist. Eine gewisse Neubelebung erhielt die Diskussion durch Behauptungen eines SED-Insiders, die SED-Reformer, voran Ministerpräsident Modrow, hätten die Stasi bewusst geopfert, um die SED zu retten.10 Dies aber führte bislang eher zu einem polemischen Schlagabtausch über die Frage, ob die Bürgerbewegung manipuliert worden sei, ohne zu einer wirklich soliden quellengesättigten Revision der bisherigen Sichtweisen geführt zu haben.

Bislang fehlte eine vergleichende Gesamtschau auf die Ereignisse in den, mit Ostberlin, 15 Bezirken der DDR. In Ansätzen existiert sie im neuen Internetauftritt Stasibesetzung.de, der derzeit kontinuierlich ausgebaut wird. Er zeigt schon jetzt, dass die Abläufe teilweise ähnlicher, teilweise aber auch deutlich unterschiedlicher sind als bisher angenommen. Allein der häufig vorgetragene Satz, dass im Dezember alle MfS/AfNS- Bezirksverwaltungen besetzt bzw. von Bürgerkomitees begangen und in Beschlag genommen wurden, erweist sich als problematisch. Die Berliner Bezirksverwaltung z.B. wurde von den Geschehnissen Anfang Dezember 1989 zunächst gar nicht tangiert, dann aber von „oben“ aufgelöst. Ihre Geschichte war bis vor kurzem fast gar nicht erforscht,11 was auch der schwierigen Überlieferungslage geschuldet ist.12 Erstaunlicher Weise gibt es auch keine fundierte Analyse des Handelns der Regierung Modrow,13 deren Rolle bislang eher als getrieben und widerstrebend bremsend interpretiert wurde. Die im Zusammenhang mit der Erstellung des Inventars gesichteten Unterlagen deuten jedoch darauf hin, dass die Regierung einen deutlich aktiveren Part spielte und viel sensibler und flexibler auf die politischen Entwicklungen reagierte, als bislang angenommen.14 Auch die Rolle der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière in der Frage des Umganges mit der Stasi-Erbschaft ist nur unzureichend analysiert. Dies gilt insbesondere für deren Interaktion mit der Bundesregierung im Zuge der Vorbereitung der Deutschen Einheit, aber auch für die Rolle der sogenannten Regierungskommission. Nicht zuletzt fehlt eine Untersuchung der „Helden“ der Stasi-Auflösung, der Bürgerkomitees und anderen Gremien, in denen Angehörige der Zivilgesellschaft bei der Stasi-Auflösung mitwirkten. Dies gilt sowohl für die Rolle der Oppositionellen und Exponenten der neuen politischen Bewegungen wie für die der ehemaligen systemnahen Blockparteien und Mitglieder von ad hoc Gruppen.

Diesen Defiziten steht, trotz gelegentlich frappanter Lücken, eine sehr breite Quellenbasis gegenüber, die allerdings nicht immer einfach zu identifizieren, aufzufinden und zu bearbeiten ist. Dieses Inventar soll daher all jenen helfen, die Forschungslücken schließen oder einfach nur regionalen Ereignissen genauer auf den Grund gehen wollen. Auf Grund einer entsprechenden Förderung15 konzentriert sich das Inventar vorrangig auf die Berliner Ereignisse und Bestände. Allein wegen der damaligen und heutigen Hauptstadtfunktion kommen dennoch überregional bedeutsame Geschehnisse und Quellen in den Blick, obwohl Ostberlin seinerzeit bei der Stasiauflösung scheinbar hinterherhinkte.

Auf Grund der Fülle der Quellen wird der Fokus vor allem auf die Phase der „eigentlichen“ Auflösung des MfS/AfNS während der Modrow-Ära gelegt. Doch auch die Quellen für die Zeit danach, die der demokratisch gewählten Volkskammer, die von ihr bestimmten Regierung sind ergiebig. Sie hatten wichtige „Restarbeiten“ zu erledigen und den Umgang mit der Stasi-Hinterlassenschaft, insbesondere mit den schriftlichen Quellen selbst, zu regeln. Auf Grund der Auflagen der Erstförderung treten die Quellen der Stasi-Unterlagenbehörde (BStU) etwas mehr in den Hintergrund, als sie es vielleicht verdienen. Die Ursachen liegen einerseits in Datenschutzbedenken, andererseits in der bis heute immer noch wirkenden relativen Findmittelintransparenz der BStU-Bestände. Kurioser Weise bieten die online-Findmittel des Bundesarchivs (Argus) inzwischen einen besseren Überblick über die Stasi-Akten als die online-Findmittel des BStU selbst.

Nicht Gegenstand des Inventars sind Foto-, Film- und Tonträgerbestände, Bibliotheksbestände und Sammlungen von Zeitzeugenbefragungen, wiewohl diese die Analyse der schriftlichen Überlieferung zweifelsohne bereichern. Zu verweisen ist an dieser Stelle auf das Deutsche Rundfunkarchiv der öffentlich-rechtlichen der ARD verbundenen Sendeanstalten Frankfurt/Main und Potsdam, das auch das entsprechenden DDR-Ton und Bildträgermaterial des staatlichen Rundfunks und Fernsehens übernahm. Von für Fotos hervorragender Bedeutung ist das Fotoarchiv der einstigen DDR-Agentur ADN im Besitz des Bundesarchivs. Jenseits dieser inzwischen hervorragend digital bzw. online erschlossenen Archivbestände verfügen die meisten der hier dargestellten Archive neben schriftlichen Dokumenten auch über historische Foto-, Ton- und Filmsammlungen und historische Buchbestände.

Das Inventar gliedert sich nach den jeweiligen Archiven. Nach einer jeweils kurzen Einführung wird anhand der Teilbestände erläutert, welche Themenfelder hier schwerpunktmäßig zu erwarten sind und auf entsprechende Findmittel hingewiesen. Da manche Akten im Zuge dieser Recherchen quasi „nacherschlossen“ wurden, können zuweilen präzisere Aussagen als in den zugänglichen Findmitteln gemacht, außerdem Beispiele von Einzelsignaturen, sogar Einzeldokumenten präsentiert werden.

Zunächst werden die einschlägigen Archive des Bundes, vorrangig das Bundesarchiv am Standort Berlin-Lichterfelde und das Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde in den Blick genommen.16

Eine Besonderheit stellt die Stiftung für die Akten der Parteien und Massenorganisationen (SAPMO) beim Bundearchiv dar. Bedauerlicherweise verfügt sie nicht über die Überlieferung aller dieser Organisationen. Unter dem Einfluss der zum Zeitpunkt der deutschen Einheit in Bonn verantwortlichen Regierung wurden die Unterlagen der Blockparteien CDU und DBD, der CDU-nahen Konrad Adenauer Stiftung und die der LDPD und NDPD der FDP nahen Naumannstiftung zugeordnet, die auch die Zugangsbedingungen vorschreiben. Ob angesichts der hohen SED-Abhängigkeit dieser Parteien, deren Spitzenpersonal SED-Nomenklaturkader war, diese Entscheidung wirklich sachgerecht oder nicht eher politisch motiviert war, muss an dieser Stelle nicht erörtert werden. Der Zugang für ostdeutsch-orientierte Recherchen ist deswegen allein schon örtlich schwieriger. Dies ist bedauerlich, da die Blockparteien sowohl als Koalitionspartner der Regierung Modrow, als auch als Mitglieder in den quotierten Gremien der Runden Tische u.ä. eine bisher zu wenig wahrgenommene Rolle als sowohl Beschleuniger wie als Bremser der Stasiauflösung spielten. Die Akten der SED wurden zwar entsprechend einer vergleichsartigen Übereinkunft staatlichen Archiven überantwortet. Angesichts auffälliger Lücken kann man sich jedoch fragen, ob Bestände in der Übergangsperiode vernichtet oder schlicht nicht abgegeben wurden. Immerhin verfügt die der in Rechtsnachfolge der SED stehenden Linkspartei, vorher PDS, nahestehende Rosa-Luxemburg-Stiftung über einzelne Themenrelevante Signaturen.

Aufgrund der Berlin-Orientierung wird dem Landesarchiv Berlin besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Es kann aber stellvertretend für ähnliche Bestände in den entsprechenden Archiven der übrigen fünf ostdeutschen Bundesländer gesehen werden.

Angesichts des starken zivilgesellschaftlichen Engagements bei der Stasi-Auflösung haben Archive bzw. Sammlungen von Vereinen und Einrichtungen, die in dieser Tradition stehen, besondere Bedeutung. Hier dominiert in Berlin das Archiv der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. (RHG), aber auch andere Vereine wie die Antistalinistische Aktion (ASTAK) oder der Verein Bürgerkomitee 15. Januar e.V. verfügen noch über mehr oder minder systematische und erschlossene Bestände aus ihrer Geschichte. Das Robert-Havemann-Archiv, dass inzwischen institutionell staatlich gefördert wird, hat eine Zeitlang beansprucht das Archiv der Opposition zu sein, es hat sich aber in der Praxis gezeigt, dass dieser Anspruch vor allem außerhalb Berlins nur schwer zu realisieren ist, da dort oft Regionalinteressen nicht nur inhaltlicher Art dominieren. So finden sich dort in diversen Vereinen, Einrichtungen und bei Privatpersonen noch Unterlagen, die auch zum Verständnis der Berliner Ereignisse beitragen können. Dies betrifft vor allem die Frage der Vernetzung der Bürgerakteure und Bürgerkomitees, die letztlich zur Stillegung der Berliner MfS-Zentrale führten und die viele politische Impulse für den Umgang mit der Stasihinterlassenschaft gab. So hatte die wohl im Zusammenhang mit der Stasiauflösung bekannteste Persönlichkeit, der spätere Bundespräsident Joachim Gauck, eine reine Rostocker Regionalbiographie, bevor er über die Volkskammer zu einer prägenden Figur für den Umgang mit den Stasiakten werden sollte. Den meisten NGO-Archiven, so auch dem der RHG haftet das Problem an, dass ihre Bestände überwiegend nicht von Institutionen, sondern von Personen geführt bzw. in das Archiv eingebracht wurden. Selbst dort, wo es sich nicht um klassische Vor- oder Nachlässe handelt, sondern um Bestände zu Gruppen, wie z.B. Bürgerkomitees, verraten sie zuweilen mehr über die individuelle Arbeitsweise des einzelnen als über die der Institution selbst. Entsprechend der damaligen Arbeitsweise der Bürgergruppierung, zumal ohne institutionelle Unterstützung und unter enormen Zeitdruck standen, sind die Bestände selbst da, wo sie fachlich qualifiziert erschlossen wurden, nicht immer wirklich systematisch. Es gibt zahlreiche Ungereimtheiten und Unklarheiten bei den Provenienzen der einzelnen Dokumente und reihenweise Doppelüberlieferungen. Auch wenn dies einen gewissen Charme hat, weil die Art der Überlieferung selbst ein Dokument der Zeit ist, sind derartige Bestände nicht einfach zu bearbeiten und zu verstehen. Sie verführen gelegentlich zu Fehlschlüssen, weil beispielsweise die staatlichen Handlungen nicht oder nur einseitig repräsentiert sind. Allerdings darf man froh sein, dass NGO-Archive vor allem wertvolle Vor- und Nachlässe vor der Zerstörung bewahren und meist auch eine unkompliziertere und zeitzeugennahe Nutzung ermöglichen. Aufgrund der inzwischen großen Zahl an Abgaben bei der RHG wurde auf die Recherche nach privaten Beständen weitgehend verzichtet bzw. führten diese insofern ins Leere, weil potentielle Aktenbesitzer entweder bereit sind, diese in ein Berliner Archiv ihrer Wahl zu geben oder sie nicht einsehen lassen. Das scheint außerhalb Berlins vollkommen anders, wo viele auf den berühmten Schuhkartons oder größeren Behältnissen sitzen, ohne zu wissen, wohin damit. Insofern hat der Verein Bürgerkomitee 15. Januar e.V. mit anderen Vereinen schon im Jahr 2017 die Initiative zu einem Sammlungsaufruf ergriffen, um derartige Bestände zu sichern.

 

Berlin, 21.12.2019 Christian Booß,
Projektverantwortlicher für das Inventarprojekt des Aufarbeitungsvereins Bürgerkomitee 15. Januar e.V.

 

Inhalt

Einleitung

Übersicht über wichtige Bestände/Archive

Einzelne Bestände und Teilbestände, Mustersignaturen und Musterdokumente.

-Bundesarchiv (BArch)

-Parteiarchive/SAPMO

-BStU

-Landesarchiv Berlin

-NGOs

-Robert Havemann Gesellschaft RHG

-Sammlungsaufruf zur Sicherung  von Akten aus der friedlichen Revolution

 

weitere Links in Arbeit

 

Anmerkungen:

 

1 Gefördert vom Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur, Berlin

2 BStU Bibliografie zum Staatssicherheitsdienst der DDR

3 Gill, David/Schröter, Ulrich: Das Ministerium für Staatssicherheit: Anatomie des Mielke Imperiums, Berlin 1991

4 Worst, Anne: Das Ende eines Geheimdienstes. Oder: Wie lebendig ist die Stasi?, Berlin 1991

5 Süß, Walter: Staatssicherheit am Ende, Berlin 1999

6 Richter, Michael: Die Staatssicherheit im letzten Jahr der DDR, Weimar u.a. 1996

7 Engelhardt, Heinz/Böhm, Peter: Der letzte Mann. Countdown fürs MfS, Berlin 2019

8 Diestel, Peter-Michael: Aus dem Leben eines Taugenichts?, Berlin 2010; Gauck, Joachim: Winter im Sommer. Frühling im Herbst, Berlin 2010; Falkner, Thomas/Gysi, Gregor: Sturm aufs Große Haus: der Untergang der SED, Berlin 1990

9 Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel: die Revolution von 1989 in der DDR, München 2011

10 Wilke, Manfred: „Wenn wir die Partei retten wollen, brauchen wir Schuldige“. Der erzwungene Wandel der SED in der Revolution 1989/90. Interview mit Wolfgang Berghofer, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (2007), S. 396-421, hier 408f.

11 Schöne, Jens: Erosion der Macht. Die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin, Berlin 2004

12 Neuerdings: Booß, Christian: Auflösung von oben- eine weitgend unbekannte Geschichte. https://stasibesetzung.de/standard-titel/berlin (Zugriff 21.12.19)

13 Aus der Perspektive ein Modrow Mitarbeiter: Arnold, Karl-Heinz: Schild und Schwert: das Ende von Stasi und Nasi. Berlin 1995

14 Booß, Christian: Zu den Hintergründen der Stasibesetzungen - ein Recherchebericht. https://stasibesetzung.de/die-diskussionen-um-die-stasi-besetzung/default-title (Zugriff 21.12.19)

15 BAB

16 Es gibt freilich weitere, wie das Verwaltungsarchiv des Bundestages, der Bundesstiftung Aufarbeitung und andere, die Hinweise zum Thema enthalten können. Ersteres verfügt über die Protokolle des Bundestages und seiner Ausschüsse, die wie der Innenausschuss, manche Vorgänge in der DDR spiegelten. Die Stiftung verfügt z.B. über themenrelevante Vorlässe wie den des Oppositionellen Rainer Eppelmann.