Vorwort

Am Morgen des 4. 12. 1989 kam es in Erfurt zur ersten Besetzung einer MfS/AfNS[1]-Bezirksverwaltung, der im Laufe des Abends und der nächsten beiden Tage alle Bezirke in der DDR folgten. Zwar konnte die Zentrale in Berlin noch bis 15 1. 1990 weiterarbeiten, doch das Ende des verhassten und gefürchteten „Schild und Schwert der Partei“ war damit eingeleitet.

Wie in Erfurt bildeten sich Bürgerkomitees, die die Auflösung des MfS/AfNS und die Sicherung der Akten als Ziel haben. Letztlich gelingt es mit dem „Stasi-Unterlagen-Gesetz“, den Zugang zu den Akten zu ermöglichen, der für die Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Reha­bilitierung von Opfern von unschätzbarem Wert ist.

Doch warum kam es am Morgen des 4. 12. 1989 in Erfurt zu dieser ersten Besetzung, und wie lief diese genau ab?

Die Gesellschaft für Zeitgeschichte hat es sich seit ihrer Gründung 1999 u.a. zur Aufgabe gemacht, eine Darstellung der damaligen Ereig­nisse unter strengen Kriterien zu veröffentlichen. Denn leider müssen wir feststellen, dass keineswegs alle Veröffentlichungen auf gründli­cher Recherche beruhen und oft nicht die Probleme berücksichtigen, die sich mit der subjektiven Erinnerung einzelner Zeitzeugen ergeben.

Für die Rekonstruktion des Ablaufs der Ereignisse und die Hinter­gründe stehen faktisch keine der üblichen Quellen zur Verfügung. Die Berichte des Leiters der BV Erfurt an die Zentrale in Berlin sind äußerst lückenhaft. Exakte schriftliche Aufzeichnungen dieser ersten Tage gibt es nicht.

Deshalb haben wir bereits 1999 begonnen, Interviews mit den Akteuren zu machen und diese zu verschriftlichen. Einige wenige bereits veröffentlichten Berichte wurden berücksichtigt[2]. Die der meisten der wichtigen Interviews sind in den beiden Bänden der GfZ „Die Geschichte des Bürgerkomitees Erfurt“ veröffentlicht. [3]

Damit wollen die Autoren so nah wie möglich an die historischen Ereignisse von damals herankommen, wohl wissend, dass beim Befragen und Erinnern an ein Jahrzehnte zurückliegendes Ereignis tatsächlich Erlebtes, danach Erfahrenes und später darüber Reflektier­tes verschwimmen können. Durch Vergleich der Berichte und Abgleich mit Aufzeichnungen aus den Tagen damals konnten dennoch die meisten Unklarheiten ausgeräumt werden. 

Mit Hilfe weiterer Interviews und neu recherchierter Dokumente gelang es für diese erneute Publikation, die Abläufe des 4. Dezember 1989 in Erfurt noch einmal detailliert nachzuzeichnen[4].

Im Wissen darum wollen die Autoren diesen Text verstanden wissen.

Er soll auch eine Würdigung der Initiatorinnen und der vielen beteil­igten engagierten Bürgerinnen und Bürger sein. Um es gleich vorweg­zunehmen: Die Besetzung der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit war eine Tat vieler. Einzelne traten im Laufe des Tages mit Initiativen hervor, die die Ereignisse entscheidend beeinflussten. Doch ohne die vielen Menschen, die sich um und vor der „Stasi“ versammelt hatten, ohne dass die vielen veränderungs­bereiten Bürgerinnen und Bürgern in der Stadt die Besetzung der „Stasi“ mit getragen haben, hätten sie keinen Erfolg gehabt.

Es gehörte bei jeden einzelnen eine Menge Mut dazu, den Mächtigen des Staates entgegenzutreten. Vielen sind die Tragweite und der Mut erst im Nachhinein bewusst geworden.

 

Peter Große, Barbara und Matthias Sengewald

 


[1] Am 17.11.1989 war das „Ministerium für Staatssicherheit“ in „Amt für nationale Sicherheit“ umbenannt und Wolfgang Schwanitz als neuer Minister ernannt worden. Da diese Umbenennung nur wenig bekannt ist und zumeist von „MfS“ oder der geläufigen Abkürzung „Stasi“ die Rede ist, verwenden wir diese Abkürzung.

[2] Andreas Dornheim und Stephan Schnitzler: „Akteure des Umbruchs berichten”, Landeszentrale für Politische Bildung Thüringen, 1995; Bericht in ”Horch und Guck”, 8. Jahrgang 1999 Heft 28

[3] TLStU/Gesellschaft für Zeitgeschichte (Hg.): Die Geschichte des Bürgerkomitees in Erfurt. Zeitzeugenberichte, Erfurt 2004; dies. (Hg.): Die Geschichte des Bürgerkomitees in Erfurt. Zeitzeugenberichte, Teil 2, Erfurt 2010.

[4]  Alles in allem liegen dem 59 Interview oder Beschreibungen von beteiligten Akteuren zugrunde, wurden Protokolle und Aufzeichnungen von Mitgliedern des Bürgerkomitees, die wenigen aus diesem Tagen noch vorhandenen MfS- bzw. AfNS-Akten sowie weitere Akten, Artikel, Zeitungen und Publikationen ausgewertet (vgl. Literaturliste am Ende).