Aktenvernichtungen nach der Besetzung in Berlin

Die Bürgerkomitees waren angetreten, die Auflösung der Stasi zu kontrollieren und zu verhindern, dass Akten vernichtet werden. Problematischer war die schiere Größe der Aufgabe und die im Verhältnis dazu geringe und im Laufe der Zeit abnehmende Zahl der Bürgerkomiteemitglieder, deren naturgemäße Unerfahrenheit und nicht angemessene Qualifikation. Im Großraum Berlin hatte es ca. 30.000 Stasimitarbeiter gegeben.

Deren Arbeitsmaterialien waren jetzt geordnet in ein provisorisches Archiv bzw. Zwischenlager zu bringen. Diese Arbeit erfüllten nicht zuletzt die ehemaligen MfS-Mitarbeiter selbst. In den ehemaligen Diensteinheiten packte ein Teil von ihnen die Unterlagen zu Bündeln zusammen, welche dann in Lagerräume in das Dienstobjekt in der Normannenstraße gebracht wurden. Die HA VIII z.B. hatte in Karlshorst gesessen. Nach der Besetzung waren 25 Mitarbeiter mit den Bündeln befasst. Dieser Prozess wurde von einer jungen Fotografin aus dem Bürgerkomitee kontrolliert, die morgens kam und abends ging.1 Was im Detail in den Räumen vor sich ging, konnte sie gar nicht wissen. Da die HA nicht nur für Ermittlungen im Wohngebiet und Observationen zuständig gewesen war, sondern insbesondere Westberlin auch Angriffe gegen DDR-Feinde und Entführungen durchgeführt hatte,2 war das natürlich ein problematischer Vorgang. Sogar der ehemalige Leiter, Carli Carlsohn, ein altgedienter Führungskader des MfS leitete die Packaktion. So ähnlich spielte sich das überall in Berlin ab. Gänzlich ohne Aufsicht gab jene Diensteinheit ihre Akten ab, die für die Überwachung der Opposition und des Staates zuständig war. Es gibt daher zahlreiche Indizien und Gewissheiten, dass nach dem 15. Januar in Berlin zahlreiche Akten verschwanden bzw. vernichtet wurden:3

 

Gelegentlich wurde beobachtet, dass LKW gepackt wurden und wegfuhren, ohne dass klar war, warum und wohin. Manche Zerstörungen in Akten, wie das Herausschneiden von Namen oder das Fehlen von Verpflichtungserklärungen bei inoffiziellen Mitarbeitern, lassen darauf schließen, dass hier „Notmaßnahmen“ ergriffen wurden, als größere Vernichtungsaktionen nicht mehr möglich waren.4

 

Aktenvernichtungen mit Zustimmung des Bürgerkomitees Normannenstraße

Mit Zustimmung des Bürgerkomitees wurden auf Vorschlag des Auflösungskomitees und unter Beteiligung der Stasileute bestimmte Aktenkategorien vernichtet: Leere Formulare und Broschüren, offenkundige Duplikate von Weisungen.

Große Vernichtungsaktionen gab es z.B. in der HA VI, die die Grenzkontrollen durchgeführt hatte. Hier wurde dem Bürgerkomitee die Zustimmung mit der fragwürdigen Begründung abgerungen, man bräuchte Raum für die Zollorgane, was angesichts der Grenzöffnung unerlässlich sei. Mit Zustimmung des Bürgerkomitees vor Ort wurde im Februar 1990 mit Billigung des Bürgerkomitees Normannenstraße sogar die Verkollerungsmaschine in der alten Stasi-Zentrale wieder in Gang gesetzt. Gezielt zerstört wurden mit der Billigung des Bürgerkomitees 50 bis 80 LKW-Ladungen mit Grenzübertrittsdokumenten der HA VI, 100 LKW-Ladungen mit Protokollen von abgehörten Telefonaten bzw. der HA III.5 Ob ein Massenschriftgut, wie die Aus- und Einreisreisekarten für den Transit für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte eine derartige Bedeutung haben, wie manch ein Kritiker ihr zumisst, mag man freilich bezweifeln.6Auch die pauschale Behauptung, dass die meisten Akten erst nach der Besetzung im Einvernehmen mit den Bürgerkomitees zerstört worden seien, ist eher alarmistisch als wirklich belegt.7

 

Zutreffend ist allerdings, dass bei der allgemeinen Unübersichtlichkeit Stasi-Unterlagen verschwunden und in unberufenen Händen gelandet sind:

Zwischen den Vernichtungsprotokollen und den wirklichen EDV-Beständen konnten erhebliche Diskrepanzen festgestellt werden.8

Gerade Abhörprotokolle wurden in verschiedenen bundesdeutschen Zeitungen zitiert und zum Anstoß harter Kontroversen über die Verwendung der Akten und den Datenschutz. Immer wieder wird behauptet, dass schon am 15. Januar Geheimdienste, vermeintlich aus dem Westen, das allgemeine Chaos auf dem Gelände genutzt hätten, um insbesondere Karteien der Abwehr zu entwenden, die die Geheimdienstmitarbeiter anderer Länder betrafen.9

1RHG, Bestand Gill, Bd. 16; Interview m. Barbara Timm, 2006, in: Christian Booß, Dissidenten der Stasi-Unterlagenbehörde. Über die Altlasten der Gauck-Behörde, in: Zeitschrift d. Forschungsverbundes SED-Staat (ZdF) 2007, 21, S. 158–162.

2Schmole, Angela, Hauptabteilung VIII. Berlin 2011

3Booß, Christian: Von der Stasi-Erstürmung zur Aktenöffnung. Konflikte und Kompromisse im Vorfeld der Deutschen Einheit. In: DA 2(2011), Online verfügbar: http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/54118/stasi-akten-konflikte-kompromisse. (Zugriff am: 07.12.2015)

4Beispiele in: Booß, Christian. Im Goldenen Käfig, Göttingen 2017, S.

5Booß, Christian: Von der Stasi-Erstürmung zur Aktenöffnung. Konflikte und Kompromisse im Vorfeld der Deutschen Einheit. In: DA 2(2011), Online verfügbar: http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/54118/stasi-akten-konflikte-kompromisse. (Zugriff am: 07.12.2015)

6Bästlein, Klaus. Der Kampf um die Akten, Die Vernichtung von Unterlagen der Staatssicherheit 1989/90. In: DA 43(2010)5, S. 830-837, hier S. 836

7Bästlein, Klaus. Der Kampf um die Akten, Die Vernichtung von Unterlagen der Staatssicherheit 1989/90. In: DA 43(2010)5, S. 830-837, hier S. 836

8Booß, Christian. Vom Scheitern der kybernetischen Utopie, MS. Berlin 2018

9Förster, Andreas: Neue Erkenntnisse zur Hinterbühne der Stasi-Auflösung 1990. Vortrag auf einer Veranstaltung des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit, in Berlin am 9.April, In: Horch und Guck ; 6(1997)21, S.28-37