Erfahrungsbericht-vom Ende der Staatssicherheit in Halle

 

Autor: Frank Eigenfeld

 

Textgliederung:

Der „Auftrag“

Beim Militärstaatsanwalt

Im Bezirksamt

Nachfolgende Aktivitäten ab Ende Dezember

Schlussbetrachtung

Text

Erfahrungsbericht-vom Ende der Staatssicherheit in Halle

Autor: Frank Eigenfeld

Der Auftrag

 

Dienstag, 5. Dezember 1989, früh gegen 7 Uhr wurde ich an das Telefon vom Kindergarten der Evangelischen Kirchengemeinde „Am Gesundbrunnen“ gerufen, wo ich seit 1982 als Hausmeister arbeitete: Anruf aus Berlin. Es meldete sich Bärbel Bohley, die mir kurz die Ereignisse vom Vortag in Erfurt schilderte, wo mutige Frauen in der Bezirksverwaltung der Stasi eine Beendigung der bisher geheimen Aktenvernichtung verlangt und durchgesetzt hätten. „…das müsst ihr in Halle auch machen!“ Wir kannten uns seit 1983 und hatten gemeinsam an verschiedenen „staatsfeindlichen“ Aktionen teilgenommen, das NEUE FORUM gegründet – jetzt das!

 

Das Volk der DDR hatte in wenigen Wochen zuvor friedlich die „Wende“ erzwungen und demokratische Verhältnisse geschaffen. Überall im Lande regierten die Runden Tische, wo Beschlüsse zur Erneuerung unserer Gesellschaft von gleichberechtigten Teilnehmern gefasst wurden. Behörden, Parteien, Polizei, Armee öffneten sich dem ungewohnten Dialog. Sicherheitspartnerschaften wurden abgeschlossen. In kurzer Zeit hatte das Land sich verändert. Am 9. November fiel die Mauer.

 

Einzig die Stasi, die Geheimpolizei der DDR, verweigerte jeden Kontakt und blieb unzugänglich. Alle Einladungen zu Veranstaltungen, zu Gesprächen blieben unbeantwortet. Kein Vertreter stellte sich in Halle der Öffentlichkeit. Die Dienststellen, militärisch bewacht, blieben verschlossen. Nur eine banale Rede vom Minister für Staatssicherheit Erich Mielke am 13. November in der Volkskammer war zu hören. Unruhe über diesen Zustand machte sich breit zumal bekannt wurde, dass aus den Dienstobjekten der Stasi ungewöhnliche LKW-Transporter fuhren. Berichte über das Verbrennen von Papierakten in großen Mengen z.B. in Kraftwerken gelangten an die Öffentlichkeit. Versuchte die Stasi ihre geheimen Akten zu vernichten? Dieser begründete Verdacht führte die Frauen am 4. Dezember 1989 mittags in die Erfurter Bezirksverwaltung – ein Signal für die gesamte DDR.

 

Der „Auftrag“ von Bärbel erzeugte in mir ein mulmiges Gefühl. Ich hatte so meine Erfahrungen mit der Stasi durch jahrelange Überwachung mit zahlreichen Vernehmungen und Bedrohungen. Meine Frau war 1983 über zwei Monate in der Untersuchungshaft der Stasi gewesen. Noch am 20. Oktober 1989 – nach Verkündung der „Wende“ durch Egon Krenz – wurden ein Freund und ich an einer extra für uns eingerichteten Straßensperre am Ortseingang Halle festgenommen, durchsucht und zum Verhör in eine Stasi-Dienststelle in Halle gebracht. Wir kamen aus Leipzig von einem Regionaltreffen vom Neuen Forum. Diese Stasi- Aktion und die Behandlung durch meinen „Stamm-Vernehmer“ ließen nichts Gutes ahnen – gröbste Beschimpfungen und Drohungen, mein Auto wurde beschlagnahmt. Die Staatssicherheit der DDR war zur „Wende“ nicht bereit. Ein Staat im Staate mit zigtausenden bewaffneten überzeugten Kämpfern, unberechenbar, unkontrollierbar, fähig, den beginnenden Erneuerungsprozess zu beenden. Das waren meine Gedanken im Herbst 1989 – auch nach dem Anruf von Bärbel Bohley.

 

 

Beim Militärstaatsanwalt

 

Ein Alleingang war ausgeschlossen – also suchte ich Mitstreiter. Nach dem Mauerfall aber nutzten viele die neue Freiheit, in den „Westen“ zu reisen. Sie waren nicht in Halle, eine größere Gruppe war in kurzer Zeit nicht organisierbar. Telefonisch erreichte ich Pfarrer Ulrich Schlademann. Er war bereit, mitzukommen. Wie und was zu tun sei, war uns völlig unklar und offen. Wir verabredeten, uns um 9 Uhr im Kreisamt der Volkspolizei.

Nachdem wir unser Anliegen vorgetragen hatten, sagte der Chef vom Amt, er sei für dieses Vorhaben nicht zuständig, da könne nur ein Staatsanwalt helfen. Nach kurzer Wegstrecke wurden wir bei diesem vorstellig. Zu unserer Überraschung trafen wir dort, im Flur wartend, zwei Freunde vom Neuen Forum, Dietmar Webel und Andre Bolze, die ebenfalls den Bezirks-Staatsanwalt sprechen wollten.

 

Am Vorabend, während eines Treffens der Arbeitsgruppen vom Neuen Forum Halle, hatte uns ein ein Anruf aus Eisleben mit der Nachricht erreicht, dass dort vor dem Stasi-Objekt eine größere Menschenmenge versuchte, die Ausfahrt eines mit Akten beladenen LKW zu verhindern. Eine Eskalation sei zu befürchten. Dietmar Webel und Andre Bolze fuhren nach Eisleben. In Verhandlungen mit der Volkspolizei wurde eine Ausfahrtsperre erreicht und eine ständige Kontrolle der Ausfahrt durch die Volkspolizei eingerichtet. Ein weiterer Abtransport von Akten aus der Dienststelle sollte auf diese Weise verhindert werden. Das wollten die beiden nun ebenfalls für Halle erreichen, beim Bezirks-Staatsanwalt.

 

Gemeinsam betraten wir sein Amtszimmer. Nachdem wir uns unser Anliegen vorgetragen hatten, Sicherung der Akten und Kontrolle der Ausfahrten, erklärte er sich ebenfalls nicht für die Stasi zuständig. Nach den Gesetzen der DDR könne nur ein Militärstaatsanwalt über die Stasi verfügen. Wir waren völlig verblüfft. Was wurde hier gespielt? Keiner von uns kannte einen Militärstaatsanwalt, geschweige dass wir wussten, wo einer zu finden sei. Doch nach wenigen Minuten kam aus einem Nebenzimmer ein Mann in Uniform herein und stellte sich als Hauptmann Wolf vor, stellvertretender und diensthabender Militärstaatsanwalt für den Militärbezirk III. Er sei befugt, unser Anliegen zu übernehmen, der leitende Militärstaatsanwalt Oberstleutnant Würschmidt sei verhindert.

 

Was nun folgte war wiederum überraschend. Er unterbreitete uns einen konkreten Plan zur Sicherung der Akten wie auch zu einer dauerhaften Kontrolle aller Ein- und Ausgänge(-fahrten) der Bezirksverwaltung (BV) der Stasi. Diese wurde schon nicht mehr so bezeichnet wurde, sondern war am 17.11. in für Nationale Sicherheit umbenannt worden.

Der Plan des Militärstaatsanwaltes sah vor, eine ständige Überwachung aller ehemaligen Stasi-Dienststellen durch die Volkspolizei zu organisieren, sowie alle Akten in versiegelten Panzerschränken zu deponieren. Diese Aktion sollte im Beisein von Vertretern der Öffentlichkeit stattfinden und umgehend beginnen. Er sorge für entsprechendes Fachpersonal, wir sollten uns um die Vertreter der Öffentlichkeit kümmern. Treffen aller Beteiligten um 13 Uhr vor der Bezirksverwaltung am Gimmritzer Damm. Es war 12 Uhr, als wir uns trennten und es erwies sich als schwierig, auf die Schnelle Bürgervertreter aufzutreiben. Viele waren, wie erwähnt, im Westen. Mir gelang es immerhin eine Handvoll Bekannte v.a. aus dem kirchlichen und universitären Bereich, zu gewinnen, die telefonisch erreichbar waren. Dietmar Webel ging einfach in die Universitätsmensa und warb wohl im Speisesaal um Mitstreiter.

 

Im Bezirksamt

 

Um 13 Uhr hatten sich ca. 30 zivile Personen am Treffpunkt eingefunden, von denen mir nur wenige bekannt waren. Militärstaatsanwalt Wolf erschien mit einer PKW-Kolonne, der mehrere Staatsanwälte und Kriminalisten entstiegen. Als erstes bestimmte er, dass eine Gruppe sofort in das Untersuchungsgefängnis der Stasi, im Volksmund „Roter Ochse“ genannt, zu fahren habe, wo sich ebenfalls zahlreiche Akten befänden. Diese Gruppe wie auch alle weiteren sollte aus 6 Personen bestehen: einem weisungsbefugten Staatsanwalt mit Dienstsiegel; einem Kriminalisten, der für die Versiegelung der Panzerschränke zuständig war; einem Stasi-Mitarbeiter, der die Zugangsberechtigung für die Dienstzimmer hatte. Sie sollten von drei Vertretern der Öffentlichkeit begleitet werden. Pfarrer Schlademann übernahm die Aufgabe, sogleich mit seiner Gruppe zur Haftanstalt zu fahren. Nun sollte ich aus der übrigen zivilen Gruppe 14 Personen auswählen. Hauptmann Wolf hatte für die BV Halle fünf Gruppen vorgesehen. Was uns da in dem Haus erwartete – wir hatten keine Ahnung, keine Kenntnis, keine Vorstellung.

 

Als wir an der Wache vorbei das Dienstobjekt betraten, stand mir plötzlich ein bekanntes Gesicht aus gemeinsamen Studienzeiten gegenüber. Danach waren wir uns nie wieder begegnet. Oberstleutnant Peter Romanowski hatte bei der Stasi Karriere gemacht und war beauftragt, uns zu begleiten. Ich spürte eine große Erleichterung, ihm traute ich keine Arglistigkeit zu. Meine anfänglichen Ängste in Bezug auf die Stasi waren nicht unbegründet. Noch am Morgen hätten er u.a. eine kleine Gruppe von Offizieren entwaffnet, die ein Betreten der BV durch Fremde mit Waffengewalt verhindern wollten, so erzählte es jedenfalls Romanowski.

 

Im Haus wurde ich aufgefordert, unser Anliegen der Leitung der BV vorzutragen. Militärstaatsanwalt Wolf führte mich und Dr. Hans Hamann, einen Chirurgen der Uniklinik Halle, in einen Konferenzraum, in dem sich der Leiter der BV, Generalmajor Heinz Schmidt und ca. 20 höhere Offiziere befanden. Sogar ein Rundfunkreporter und zwei Zeitungsredakteure waren anwesend.

 

Ich erläuterte, was wir wollten: Sicherung und Kontrolle der Akten. Mit Militärstaatsanwalt Wolf hatte ich schon vereinbart, alle Reißwölfe stillzulegen und „einzusperren“. Ich forderte auch ein Ende der Überwachung reformengagierter Personen. Schweigen, kein Widerspruch, starre Gesichter. Ich bat noch den Leiter Schmidt, mir meine eingezogene Post auszuhändigen, woraufhin er empört erwiderte: „Aber Herr Eigenfeld, was denken Sie? Wir haben doch niemals ihre Post kontrolliert!“ Noch ein kurzes Radio-Interview, dann verließen wir den Raum. Keine 5 Minuten hatte es gedauert- eine bizarre Welt!

 

Wieder unten im Haus wurden die fünf Gruppen eingeteilt. Wichtig war für mich, dass in jeder Gruppe wenigstens eine mir vertraute Person vertreten war. Dann verteilten wir uns im Haus und begannen unsere Arbeit.

Was mir seit Betreten der BV aufgefallen war, überall im Haus lagen kleine weiße und bunte geschredderte Papierschnipsel herum – wie Konfetti. Offenbar waren die 27 Reißwölfe, die wir fanden, bis zur letzten Minute gelaufen. Manche waren noch warm vom Dauerbetrieb. Alle landeten in einer versiegelbaren Garage.

 

Jede Gruppe bekam ein bestimmtes Revier zugewiesen Alle Räume sollten begangen , alle aufzufindenden Akten in Panzerschränke gelegt werden, die dann versiegelt wurden. Die Vertreter der Öffentlichkeit waren nicht befugt, Akten in die Hände zu nehmen.

 

Gegen 13.30 Uhr betraten wir die ersten Dienstzimmer. Alle waren mit Uniformierten besetzt und erstaunlich vielen Zivilangestellten, darunter viele Frauen. Es war ja ein „normaler“ Arbeitstag. Ob sie am Morgen geahnt hatten, was dann ab Mittag geschah? Ich weiß es nicht. Jedenfalls

rührte sich niemand, als wir die Räume betraten, keiner von ihnen sprach ein Wort. Sie waren erstarrt, wie im Dornröschenschloss, aber es war kein Märchen. Alles blieb friedlich und ruhig. Nur die Staatsanwälte und Kriminalisten taten ihr Werk. Sie entnahmen den Regalen, Schränken und Schreibtischen die Akten, legten sie in Panzerschränke, die sofort versiegelt wurden. Nächstes Zimmer. Auch ganze Räume wurden versiegelt. Die Entscheidungen traf der Militärstaatsanwalt. Keiner wusste, wie lange das dauern würde. Nach drei Stunden kamen die ersten Bürgervertreter und meldeten sich ab. Ab 18 Uhr war ich der einzig verbliebene Vertreter der Öffentlichkeit, der mit Hauptmann Wolf und den anderen „Staatsdienern“ bis 20 Uhr weiter versiegelte.

 

Ein weiteres Problem kam hinzu: die Siegelmasse war ausgegangen. Die letzten Panzerschränke konnten nur noch mit Papierbanderolen petschiert werden. Abends war klar, morgen musste es mit neuer Siegelmasse weitergehen. Auch die Kontrolle und Sicherung „vergessener“ Räume und Schränke war zu erledigen.

 

Um 7 Uhr, neues Treffen in der BV. Mit Unterbrechungen zogen sich diese Einsätze wiederum bis zum Abend hin. Als Begleitung hatte ich diesmal meine Lebensgefährtin, Beate Gallesky, mitgenommen. Meine ursprünglichen Sicherheitsbedenken hatten sich ja nicht bestätigt und zu so früher Stunde eine Mitbegleitung zu organisieren, habe ich gar nicht erst versucht. Der Hauptteil der Arbeit im ganzen Land war ja am Vortag erledigt. Die Entmachtung der Stasi war gelungen und entschieden, auch wenn die Berliner Zentrale erst im Januar besetzt werden sollte.

 

 

Nachfolgende Aktivitäten

 

Für beginnende Rehabilitierungsverfahren politisch Verfolgter wurden bald Akten aus den versiegelten Archiven angefordert. Militärstaatsanwalt Wolf und ich stellten sie gemeinsam noch im Dezember zur Verfügung. Es hatte sich schnell eine unkomplizierte und vertrauensvolle Zusammenarbeit entwickelt.

 

Nach entsprechenden Forderungen vom Zentralen Runden Tisch verkündete die Modrow-Regierung am 14. Dezember die Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit, nur wenige Tage später. Dieser Prozess sollte von Auflösungskomitees begleitet und kontrolliert werden. In Halle konstituierte sich das Auflösungskomitee am 11. Januar 1990 zunächst unter Leitung von Hauptmann Wolf. Nach kurzer Zeit übernahm Pfarrer Ulrich Schlademann diese Aufgabe. Es bestand aus 40 Mitgliedern, die zeitweilig von ihren beruflichen Verpflichtungen frei gestellt wurden.

 

Viele Aktivitäten in diesen Wochen in Halle waren vom Neuen Forum geprägt. Ein Bürgerkomitee, wie in anderen Städten der DDR, wurde nicht gegründet, auch später nicht. Wir waren doch schließlich selbst Bürgerbewegung. Im Ergebnis spielt es auch keine Rolle, welche Gruppen oder Personen die notwendigen Veränderungen in der DDR betrieben haben. Zum Glück haben sich im ganzen Land genügend Leute gefunden, die sich engagiert für eine demokratische Entwicklung eingesetzt haben – sonst wären wir gescheitert.

 

Das Autorisierte Auflösungskomitee in Halle war bis zum 30.6.1990 tätig und erfüllte alle vom Zentralen Runden Tisch bzw. von der Volkskammer beschlossenen Aufgaben. Im Auflösungskomitee war Dietmar Webel vom Neuen Forum sehr aktiv. Ihm ist es wie anderen zu verdanken, dass aus dieser turbulenten Zeit einige wichtige Dokumente erhalten geblieben sind. Er hat sich 1990 dem Bürgerkomitee Leipzig angeschlossen und an späteren DDR-Treffen der BüKo`s teilgenommen. Leider ist er 2014 bereits gestorben. Ulrich Schlademann wurde vom Sonderbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck, zum ersten Leiter der Außenstelle Halle für die verbliebenen Archive berufen.1

 

Ich stand schon für eine Mitarbeit im Stasi-Auflösungskomitee ich nicht mehr zur Verfügung. Mit der Geschäftsführung vom Neuen Forum im Bezirk Halle war ich völlig ausgelastet und stand vor vielen neuen Aufgaben. Mit dem Stasi-Unterlagengesetz vom Dezember 1991 wurde der Umgang mit den Akten neu geregelt. Eine Einsicht in die personenbezogenen Akten wurde möglich. Am 6.12.1993 war es für mich dann soweit – aber die Stasi hatte meine Akten bis zum 27.11.89 bereits vollständig vernichtet. Nur ein Aktendeckel mit handschriftlichen Bemerkungen ist übrig geblieben.

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1Er nahm diese Funktion bis 1991 wahr.