Arbeit vor Ort- die Arbeitsgruppe

Als praktisches Ergebnis wurde eine Arbeitsgruppe aus „ausgewählte[n] und zur besonderen Geheimhaltung verpflichtete[n]“1 Mitgliedern der politischen Gruppierungen gebildet, die sich ab dem Folgetag in den einzelnen Abteilungen, beginnend mit der Auslandsaufklärung, umsah. Diese Kerngruppe, bestand aus zwei hauptamtlichen Altparteifunktionären2 und im Prinzip je einem Mitglied der beteiligten Bürgerrechtsgruppierungen, darunter mindestens ein ehemaliger IM. Begleitet wurden sie von Vertretern der Polizei, des AfNS und einem Militärstaatsanwalt, der die Rechtmäßigkeit der Aktenkontrolle überwachen sollte.3 Er sollte also im Wesentlichen verhindern, dass wichtige Akten gelesen würden.

Foto: Kontrollausschussmitglied Klaus Wendler zeigt einem Team von Spiegel-TV das Gelände. PR-Arbeit wird als wichtig angesehen, um die Öffentlichkeit in Berlin zu beruhigen. Link Spiegel-TV: Der Stasi-Staat 1990

Diese kleine Gruppe sollte in den kommenden Tagen und Wochen fast täglich das Geschehen auf dem Gelände kontrollieren, auf dem einst 2500 Menschen tätig waren. Um die Jahreswende waren erst 705 von ihnen entlassen,4 von den übrigen waren nicht wenige noch auf dem Gelände. „Die waren noch da, zumindest zum größten Teil jedenfalls.“5 Wie motiviert sie noch zu geheimdienstlicher Tätigkeit waren, ist eine andere Frage. Bernd Madaus erinnert, dass sie „in ihren Zimmern saßen und […] gequalmt [haben]6.Eine wirkliche Organisationsform hatte die Kontrollgruppe nie, nicht einmal ein Büro, allenfalls eine Art Aufenthaltsraum. Noch im April war zumindest der Vertreter der Bürgerrechtsgruppen bei Bereitschaftsfällen privat telefonisch nicht erreichbar.7 Es gab nur „rudimentäre Strukturen“8. Protokolle, wie bei anderen größeren Bürgerkomitees, fanden sich bis heute nicht. Es war wohl die staatliche Seite selbst, die die Arbeit dokumentierte. Nach Erinnerung von Bürgervertretern traf man sich jeden Morgen zur Besprechung. Eine Vierergruppe kam regelmäßig. Michael Kummer war so etwas wie der informelle Leiter der Gruppe:

„Wie Kummer Sprecher geworden ist, weiß ich nicht, ich habe ihn nicht gewählt,“ meint Hintze.9 Nachts war keiner anwesend. „Das ist aus heutiger Sicht völlig dilettantisch“.10 Aus der größeren Gruppe von über 10 Personen, die sich anfangs gemeldet hatten, waren an der täglichen Kontrollarbeit mal mehr, mal weniger Personen beteiligt je nachdem, wie sie Zeit hatten und motiviert waren. „Eine Überprüfung der Mitglieder gab es nicht, das war auch nicht möglich.“11#

Foto: Michael Kummer Sprecher der Bürgergruppe im Kontrollausschuss der BV Berlin, später Bürgerkomitee Berlin genannt. Hier auf einer Pressekonferenz 1990

 

Die Zahl der Beteiligten nahm zunehmend ab. Wer Kritik am Verfahren hatte, blieb einfach weg.12 Ohnehin hatten die meisten Bürgervertreter „zu wenig Zeit, weil zu wenig Menschen in der Opposition waren. Wir haben ja auch an anderen Punkten agiert.“13 Margitta Hintze war beispielsweise eine Zeit lang im Rundfunkrat, Anfang 1990 wechselte sie mit Werner Fischer in die AG Sicherheit (AG-S) des Zentralen runden Tisches, weil ihr das Engagement zum Abbau der Zentrale wichtiger schien als die BV. Auch wenn diese Überlegung nicht grundsätzlich falsch war, unterschätzte man damals offenbar die Rolle der BV, die für die Überwachung der Berliner Bevölkerung zuständig gewesen war. Auch trug sie maßgeblich die Verantwortung für die DDR-weit bekannten Repressionsschläge gegen die Umweltbibliothek 1987 und der Gegendemonstranten bei der Liebknecht/Luxemburg-Demonstration 1988.

Einen ersten Erfolg verbuchten die Kontrollausschussmitglieder, als sie festlegten, die Waffen müssten möglichst schnell abgegeben werden, „damit nicht einer durchdreht und um sich knallt. Da gab´s am Anfang Diskussionen drüber, aber im Grund genommen hat der Widerstand dann nicht allzu lange gedauert.“14 Die Waffen sollten zunächst in versiegelten Räumen gelagert und dann in das Ministerium für Nationale Verteidigung überführt werden.

Doch auch später wurden noch in einigen Zimmern „personengebundene Handfeuerwaffen (Pistolen) gefunden“15, zu denen die Mitarbeiter noch Zugang hatten.

 

Ab Januar wurden systematisch Räume, Diensteinheiten und Akten besichtigt. Die Erinnerungen hierzu sind unterschiedlich. Die Bürgerrechtlerin meint, „wir haben die Strukturen nicht bestimmt“. Die staatlichen Vertreter hätten alles vorbereitet und das „als Dienstleistung verkauft“16. Die Bürgerrechtler hätten den Machtfaktor, der sich angesichts der Volksbewegung und der zusammengebrochenen Autorität der SED aus ihrer Stellung ergab, damals nicht gesehen. Madaus hält dagegen, sie seien an alles herangekommen, was sie interessierte. „Ich persönlich hatte nicht den Eindruck, dass wir dort behindert wurden, ganz im Gegenteil“. Kummer meint heute, die Auflösung sei „im Wesentlichen selbstorganisiert von der Stasi abgewickelt worden und die Bürgerkomitees, die haben da eine Dummifunktion gehabt. [...] Das wirklich in detaillierten Schritten zu überwachen, war mit den paar Leuten aus dem Bürgerkomitee nicht möglich.“17 Der NDPD-Funktionär unterscheidet unterschiedliche Phasen. Sie seien „zu Anfang nen Feigenblatt“ gewesen, zunehmend hätte aber der Sprecher der Gruppe, Michael Kummer, die Einsatzorte bestimmt.

Madaus räumt allerdings ein, dass man sich insbesondere dem Staatsanwalt gegenüber ausgeliefert gefühlt habe. Da dieser juristisch argumentierte, und man dem nichts entgegensetzen konnte.18 Dies hätte anfangs immer wieder zu Konflikten zwischen dem Staatsanwalt und den Bürgervertretern der Vereinigten Linken (VL) geführt, die sich schließlich zurückzogen.

 

1 Protokoll 8.1.1990. LArchB, C Rep. 830-01 Nr. 29

2Ernst Dieter Erdmann, vom Bezirksvorstand der LDPD und Bernd Madaus, NDPD.

3 BM

4Protokoll 8.1.1990. LArchB, C Rep. 830-01 Nr. 29

5 MK

6 BM

7 Arbeitsstab Berlin. Dienstbereitschaft im Monat April 1990. 5.4.1990. BStU, MfS, Liegenschaften 34, Bl. 281

8 MK

9 MK

10 MK

11 MK

12 BM

13 MH

14 MK

15 Protokoll. 8.1.1990, LArchB, C Rep. 830-01, Nr. 29

16MK

17 MK

18BM