Besetzung bei Kaffee und Zigaretten

 

Autor: Ulrich von Sass

 

Text-Gliederung:

Vorgeschichte der Besetzung

Entstehung und Rolle des Runden Tisches

Arbeitsgruppe zur Untersuchung der Tätigkeit des MfS

Gründung des Bürgerkomitees

Auflösungsbilanz

(Nicht-)Beziehung zu anderen Bezirkskomitees

Weitere persönliche Entwicklung ehemaliger Stasi-Auflöser

 

Text 

Besetzung bei Kaffee und Zigaretten

Autor: Ulrich von Sass

 

Vorgeschichte der Besetzung

Im Herbst 1989 wurden jene kirchlichen Mitarbeiter und Neubrandenburger Bürger, die die Friedensgebete und die daran anschließenden Demonstrationen planten, von der Stasi vor Ort als die feindlichsten Feinde der 40 Jahre alten DDR ausgemacht.

Einer solchen “Planungsrunde“ gehörten Gerhard Stoll und Karin Lück für das Neue Forum, Diakon Martin Fritz und Pastor Ulrich von Saß an, die gemeinsam vom ersten DDR-weiten Treffen des Neuen Forums am 11.11.89 nach Neubrandenburg zurückfuhren. Sie planten für den 4.12.89 eine demonstrative Übernahme der SED-Bezirkszeitung “Freien Erde“ im Anschluss an das Friedensgebet. Eine entsprechende Konzeption war am Morgen in der „Freien Erde“ in Form eines Leserbriefes von Ulrich von Saß abgedruckt.

Die Organisatoren vom Neuen Forum hatten außerdem vor, nach der Demonstration zur Bezirksverwaltung des MfS (BV) auf dem Lindenberg, einige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, zu ziehen. Aber weder aus der Übernahme der “FREIEN ERDE“ noch aus der Fahrt zum Lindenberg wurde etwas. Hinsichtlich der "Freien Erde" ließ sich Karin Lück, die Rednerin des Neuen Forum, auf den Kompromissvorschlag ein. Das Neue Forum sollte künftig eine Zeitungsseite pro Woche für eigene Artikel erhalten. Der Zug zur Bezirksverwaltung des MfS, inzwischen in Bezirksamt des AfNS umbenannt, scheiterte an fehlenden Transportkapazitäten. Die ursprünglich erwarteten städtischen Busse kamen nicht. Dennoch war man alarmiert. Schon am Nachmittag hatte bei Pastor von Saß mehrmals sein Freund Wolfgang Gulbis aus Rostock angerufen und über die dortige Besetzung der Stasi-Bezirksverwaltung berichtet.

Am Vormittag des 5. Dezember 1989 sammelten Arno Behrend und weitere Mitglieder der SDP-Neubrandenburg Unterschriften für die Einsetzung einer Untersuchungskommission und die Versiegelung der MfS-Archive. Gegen Mittag Gegen 14.00 Uhr trafen Arno Behrend, Gerd Kruse von der SDP, sowie Pastor von Saß und Gerhard Stoll vom Neuen Forum beim neuen Chefredakteur der “Freie Erde" zusammen, um über die künftig von den Bürgerbewegungen zu gestaltende Seite zu beraten. Dort beschlossen sie, zum Bezirksstaatsanwalt zu gehen und ihm die Forderungen samt Unterschriftenlisten zu übergeben. Dessen Stellvertreter empfing die Gruppe2 und verabredete mit ihr und Bezirksstaatsanwalt Nemitz ein Treffen um 16.00 Uhr in der ehemaligen MfS-Bezirksverwaltung Neubrandenburg. Dort meldete er dieses Vorhaben telefonisch an. Die Schließung des Kreisamtes, der ehemaligen MfS-Kreisdienststelle, in der Stadt Neubrandenburg wurde gleichzeitig auf ähnliche Weise von Gerd Kruse, SDP, eingeleitet.

Gerhard Stoll vom Neuen Forum berichtet von parallelen Aktivitäten seiner Gruppe. Zwei Mitglieder3 „hatten mich am Morgen des 5. Dezember etwa gegen 8.00 Uhr im Betrieb angerufen und gesagt, dass in Berlin die Wachkräfte (Wachregiment des MfS) die Ein- und Ausfahrten zu MfS-Gebäuden blockierten. Dann haben wir beschlossen, zu Dritt sofort auf den Lindenberg zu fahren und die Wachen aufzufordern, Gleiches zu tun wie in Berlin.“ Als sie dies taten, telefonierten die Wachen- vermutlich mit dem Leiter der Bezirksverwaltung, Dr. Peter Koch. Danach erschien der Leiter der Auswertung, Jochen Schönfelder, mit noch einem Mitarbeiter und verwickelte sie Vertreter des Neuen Forum in ein längeres Gespräch.

Am Nachmittag dann erwartete Generalmajor Dr. Koch, der bisherige Leiter der MfS-Bezirksverwaltung, die Besucher schon mit seinen Stellvertretern am Tor zur ehemaligen Bezirksverwaltung. Er lud zum Kaffee und hielt einen Vortrag zur Umwandlung des MfS zum Amt für nationale Sicherheit (AfNS), die seit Mitte November erfolgte. Nach langen Diskussionen mit den Vertretern des AfNS versiegelten die Bürgervertreter zusammen mit Bezirksstaatsanwalt Nemitz die Archive der Neubrandenburger Bezirksverwaltung und der ehemaligen Kreisverwaltung des MfS auf demselben Gelände. Ihnen war zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, dass sich die laufenden Vorgänge zur Überwachung der Bevölkerung zumeist in den Büroräumen befanden.

Entstehung und Rolle des Runden Tisches

Entstehung und Rolle des Runden Tisches

Am Mittwoch, den 6.12.1989 berichtete Pastor von Saß im Stadtkonvent, dem Treffen der evangelischen Pastoren der Stadt Neubrandenburg über die Aktivitäten gegen die Stasi. Er wurde beauftragt, als Vertreter der evangelischen Kirche bei der Sicherstellung der MfS-Dokumente mitzuarbeiten. Die Mitglieder des Stadtkonventes diskutierten auch über die Initiative zum Zentralen Runden Tisch in Berlin. Sie verabredeten, am Freitag, den 8.12.89, auch für den Bezirk Neubrandenburg zu einem Runden Tisch in die Johanniskirche einzuladen. Pastor von Saß sollte die Parteien und Gruppen, deren Vertreter sich bei den Verhandlungen mit der Stasi in der BV trafen, dazu einladen.

Bei dem Treffen auf dem Lindenberg musste Pastor von Saß aber erfahren, dass der Rates des Bezirkes bereits zum Runden Tisch eingeladen hatte. Die Vertreter vom Neuen Forum sowie von der SDP waren eingeladen, nicht aber die Kirchen. Am Taktieren der SED-Funktionäre wie am Fortgang der Geschichte zeigte sich zum einen, dass Neubrandenburg nicht zu Unrecht das “Rote Neubrandenburg“ genannt wurde und dass es sich es sich beim Bezirk Neubrandenburg zum anderen um eine recht überschaubare ländlich strukturierte Region handelte.

Pastor von Saß verabredete mit Arno Behrend (SDP) und Gerhard Stoll (Neues Forum) während einer Verhandlungspause in der MfS-Bezirksleitung, dass beide Gruppen den Runden Tisch verlassen würden, falls die Kirchen nicht eingeladen und vertreten sein würden. Der Leiter der ehemaligen Bezirksverwaltung, Generalmajor Dr. Koch, muss diese Absprache mitbekommen haben. Er informierte umgehend Wolfgang Otto, den stellvertretenden Vorsitzenden des Rates des Bezirkes. Dieser rief noch am Nachmittag Pastor von Saß an, entschuldigte sich und lud ihn zum Runden Tisch ein. Offensichtlich wollte er Pastor von Saß, bei dem derzeit viele Fäden zusammenliefen, dabei haben. Pastor von Saß benannte für den Runden Tisch noch Landessuperintendent Kurt Winkelmann als Vertreter des evangelischen Kirchenkreises und Prälat Winfried Schiemann von der katholischen Kirche. Die Einladung zu einem Runden Tisch in der Johanniskirche, wie ursprünglich von Stadtkonvent angedacht, wurde nicht mehr ausgesprochen.

Auf Einladung des amtierenden Vorsitzenden des Bezirkes, Wolfgang Otto, konstituierte sich der Runde Tisch (RT) des Bezirkes am Donnerstag, dem 7.12.1989. Bei der konstituierenden Sitzung gehörte ihm an: Zwei Vertreter des Neuen Forum, drei Vertreter der SDP; je ein Vertreter der Blockparteien, 2 Vertreter der SED und je zwei Vertreter der Evangelischen und der Katholischen Kirche sowie weitere Vertreter des Rates des Bezirkes.

Der Themenschwerpunkt des RT lag im Bezirk Neubrandenburg in der ersten Zeit eindeutig bei Fragen der inneren Sicherheit. Die weitere Vernichtung von Akten sollte verhindert, die paramilitärisch Gesellschaft für Sport und Technik (GST) sollte entwaffnet, bzw. aufgelöst werden. Im Auftrag dieses Runden Tisches gründete sich am 7. Dezember auch die „Arbeitsgruppe zur Untersuchung der nach innen gerichteten Tätigkeit des ehemaligen MfS“.

Arbeitsgruppe zur Untersuchung der Tätigkeit des MfS

Die AG war kein Bürgerkomitee, sondern eine Untergliederung des Runden Tisches. Der AG gehörten

• für die Evangelische Kirche und als Leiter Pastor Ulrich von Saß,

• für die Katholische Kirche Burkhard Räuber

• für das NF Harriet von Suchodoletz und

• für die SDP Jochen Köhler ,

Zeitweise gehörten zur AG auch Roland Schäper und ein weiterer Bürger aus Röbel.1

Außerdem war der AG die Staatsanwältin Zastrow ständig beigeordnet. Mitte Januar wurden die AG-Mitglieder Angestellte des Ministerrates. Ulrich von Saß als Leiter der AG blieb allerdings Pastor.

Die Kontakte zu den MfS-Mitarbeitern liefen während der ersten Wochen wesentlich über den ehemaligen Leiter der Auswertungs- und Kontrollgruppe der ehemaligen Bezirksverwaltung, Jochen Schönfelder. Später versuchte auch der den Regierungsbeauftragte, Wikarski, der vom Ministerrat aus Berlin geschickt war, zwischen der AG und dem BAfNS zu vermitteln.

Die AG hatte vom Runden Tisch des Bezirks den Auftrag bekommen, vorhandene Daten- und Aktenbestände zu sichern, öffentlich über Strukturen und Arbeitsweisen des ehemaligen MfS im Bezirk aufzuklären und mögliche Befugnisüberschreitungen einzelner Mitarbeiter des MfS festzustellen. Die beigeordnete Staatsanwältin sollte gegebenenfalls Ermittlungsverfahren einleiten.

Zwischen der AG, dem Beauftragten Wikarski und dem BAfNS wurde schließlich am 14. Dezember 1989 eine „Vereinbarung“ abgeschlossen. Befugnisüberschreitungen und Rechtsverletzungen durch MfS-Mitarbeiter sollten untersucht werden, damit Bürger rehabilitiert und strafrechtliche Konsequenzen eingeleitet werden könnten. Den betroffenen Bürgern sollte auf Antrag das über sie gesammelte Material zugänglich gemacht werden. Außerdem sollte die Weisungslage des MfS offengelegt und durchgehend Datenschutz gewährleistet werden.

Zunächst waren am 9.12.die Unterlagen der Kreisdienststellen aus dem Bezirk, mit Ausnahme von Röbel und Ueckermünde,4 in leerstehende Hallen der ehemaligen Bezirksverwaltung des MfS eingelagert worden.

Am 11. Dezember wurden in einem Beitrag in der “Freien Erde“ Bürger aufgefordert “die sich in besonderer Weise durch die Arbeit des ehemaligen MfS betroffen fühlen oder wichtige und konkrete Hinweise zur Arbeitsweise des MfS geben können [...] ihre möglichst schriftlich festgehaltenen Erfahrungen und Hinweise der Arbeitsgruppe zukommen zu lassen.5

Etwa 180 konkrete Anliegen von Bürgern, die Näheres über ihre Akten bei der Stasi wissen wollten, lagen der Arbeitsgruppe bald vor. Nicht alle Bürger, die sich “in besonderer Weise von der Arbeit des MfS betroffen fühlten“, waren allerdings tatsächlich durch die Sicherheitsorgane bearbeitet worden. Ein Mitglied der AG meint sich zu erinnern, „ dass es auch IM gab, die unter dem o. g. Vorwand testen wollten, ob ihre IM-Akte vernichtet ist.“5

Betroffenen Bürgern wurde am 11.12.89 die Möglichkeit zur Aktenauskunft unter datenschutzrechtlichen Einschränkungen eingeräumt. Die über sie gesammelten Informationen wurden auf Kassette gesprochen und den Bürgern auf diese Weise oder in Beratungsgesprächen übermittelt.

Die Arbeit der AG war in den ersten Tagen überwiegend darauf gerichtet zu verhindern, dass weitere Akten vernichtet würden. Später, im Jahr 1990, wurde durch die Zeitschrift “Der Wiener“ aufgedeckt, dass die AG zu diesem Zeitpunkt, im Dezember 1989, noch abgehört wurde. Es wurden Karten ausgegeben, die eine Inspektion der AfNS-Gebäude , die grundsätzlich von der Volkspolizei bewacht wurden, selbst in der Nacht ermöglichten. Es war allerdings kaum möglich, interessierte Bürger zu finden. Vielen hatte die Sorge, dass sie nach Kenntnisnahme von Staatsgeheimnissen als „Geheimnisträger“ eingestuft würden und wie vor der Maueröffnung fortan nicht mehr in den Westen reisen dürften.

Gründung des Bürgerkomitees

Nach dem 14.12. 1989 trat zunehmend die Auflösung des Bezirksamtes für Nationale Sicherheit (AfNS) in den Vordergrund. Für diese Arbeit war die vierköpfige AG personell unterbesetzt, so dass die Gründung eines Bürgerkomitees unvermeidlich wurde. Deshalb berief der Runde Tisch des Bezirkes ein elfköpfiges Bürgerkomitee unter Leitung von Burkhard Räuber zur Entlastung der AG. Jede am Runden Tisch vertretene Partei oder Gruppe sollte einen Delegierten entsenden, was aber nicht jede Gruppierung tat.

Entsprechend dem Ministerratsbeschluss vom 8. Februar wurde mit Wirkung zum 1. März außerdem ein sechsköpfiger “Arbeitsstab des Komitees zur Auflösung des BA“ gebildet, den Burkhard Räuber leitete und dem von der AG auch Jochen Köhler angehörte.

Die AG hat ihre Form der Zusammenarbeit mit dem ehemaligen MfS ein „Kooperationsmodell“ im Rahmen klar abgesteckter Ziele und Bedingungen genannt.

Grundlagen dieser Kooperation waren:

1. das gemeinsame Interesse an Deeskalation,

2. die Einsicht leitender Mitarbeiter in die Unumkehrbarkeit in die laufenden Prozesse

3. ein beiderseitiges rationales Kalkül der Machtverhältnisse.

Wenn ihre Arbeit offensichtlich behindert wurde, stellte die AG mehrmals klar, dass sie einen Auftrag des Runden Tisches habe und die BV umgehend verlassen werde, wenn ihre Arbeit nicht unterstützt werde. Dabei war allen Beteiligten klar, dass spätestens am Tag nach einem derartigen Rückzug der AG die BV von einer Großdemonstration “heimgesucht“ werden würde. Echte Kooperation entwickelte sich erst späte. ab Juni 1990, u.a. bei den Themen der verdeckt in Staat und Wirtschaft arbeitenden Offiziere im besonderen Einsatz (OiBE), der Mitarbeiterrenten oder der konspirativen Objekte.

Eine gute Sicherheitspartnerschaft bildete sich im Verhältnis zur Volkspolizei her, die - wie die Militärstaatsanwaltschaft - ihre einstige Nähe zum MfS durch nunmehr besondere Härte gegen ehemalige Mitarbeiter des MfS überkompensierte.

Auflösungsbilanz

Die AG gab dem Runden Tisch des Bezirkes in seiner 7. Sitzung am 29. Januar 1990 einen Sachstandsbericht. Ulrich von Saß und Burkhard Räuber waren dort ständig vertreten: „Zu bewältigen sind in den nächsten Tagen noch der Transport des Schriftgutes und dessen Einladung, was durch ein Bürgerkomitee kontrolliert werden soll. Zu diesem Zweck sollen Vertreter aller am Runde Tisch vertretenen Parteien und Bewegungen einen Vertreter entsenden. Es war deutlich geworden, dass die Überprüfung konspirativer Wohnungen und anderer Objekt nicht mehr von nur vier Personen geleistet werden konnte.“6

Am 8. Februar informierte Räuber den Runden Tisch erneut über den Stand der Auflösung des BA. Es seien „35 Objekte des ehemaligen Amtes festgestellt und größtenteils kontrolliert [worden...]. 17 nur für konspirative Zwecke genutzte Wohnungen wurden an die örtlichen Räte übergeben. Von den 1909 ehemaligen Stasi-Mitarbeitern im Bezirk sind gegenwärtig rund 450 noch ohne Arbeit. [...] Die 1000 Telefone ehemaliger Mitarbeiter im Bezirk sollen bis Mai von der Post neu vergeben werden. Die Kontrolle von rund 12 000 Briefen täglich im Postamt 2 in Neubrandenburg ist seit dem 8.11.89 eingestellt.“7

Ein weiterer Bericht wurde dem RT durch Burkhard Räuber am 13. März 1990 zur “Einschätzung des Auflösungsstandes des BA“ gegeben:

Demnach waren noch 77 ehemalige MfS-Angestellte nicht entlassen, was bis zum 31. März erfolgen sollte. Von den bereits Entlassenen waren nur 3,3 % ohne neue Beschäftigung. Die sichergestellten Akten befanden sich (Ausnahme KA Ückermünde) versiegelt in einer neueingerichteten Außenstelle des Staatsarchivs Schwerin in den Kellerräumen des Rates des Bezirkes unter Aufsicht des neu eingestellten Archivleiters Boers. Nichtarchivpflichtiges Schriftgut wurde im BA zentralisiert.8

Anfang April 1990 legte Pastor von Saß dem RT den Abschlussbericht der AG vor. Teile davon erschienen im Herbst 90 in Buchform unter dem Titel “feindlich-negativ“9. Dieser Bericht beschrieb zum einen die Arbeit des MfS im Bezirk während der 1980er Jahre und versuchte damit, der Aufgabe, über das MfS zu informieren, gerecht zu werden. Zum anderen wurde der Arbeitsstand der AG referiert. Die Anträge auf Akteneinsicht konnten abgearbeitet werden. Die Dokumentenbestände waren gesichert.

Nach der Vorlage dieses Abschluss-Berichtes, den Pastor von Saß und Harriet. von Suchodoletz verfasst hatten, entlastete der Runde Tisch des Bezirkes die AG mit Wirkung vom 1. April 1990. Ihre Arbeit damit beendet. Die Bewachung der Akten lag nun allein beim neu eingestellten Archivleiter Boers.

Die direkte Beauftragung der AG bzw. des Bürgerkomitees durch den Runden Tisch des Bezirkes Neubrandenburg hatte mehrere Vorteile: Auftrag und Zuständigkeiten waren klar. Selbstfindungsprobleme waren weder in der AG noch im Bürgerkomitee an der Tagesordnung. Klare Strukturen machten auch die Sicherheitspartnerschaft mit der Volkspolizei und auch Kontaktakte zur Staatsanwaltschaft und anderen Institutionen leichter. Eine Anfälligkeit für Machtphantasien, wie es nach Auffassung der Neubrandenburger in großen Bürgerkomitees gab, war gering. Die AG bestand aus vier Personen, die genau wussten, dass sie die ablaufenden Prozesse weder steuern noch wirklich kontrollieren konnten. Sie konnten aber unterschiedlichen Interessen für vormals ungeahnte “Sicherheitspartnerschaften“ nutzen, als es zwischen MfS und SED, und zwischen MfS, Volkspolizei und Militärstaatsanwaltschaft zu Absetzbewegungen kam.

(Nicht-)Beziehung zu anderen Bezirkskomitees

Die Bürgerkomitees der anderen Bezirke hatten keinen wichtigen Einfluss auf die AG. Es gab hin und wieder Telefonate mit den Bürgerkomitees in Schwerin und Rostock. Vereinzelt nahmen Neubrandenburger an den Koordinierungstreffen der Bürgerkomitees in Berlin teil.

Für den AG-Leiter, Pastor von Saß, waren diese Treffen nach dem 23.1.1990 jedoch erledigt. An diesem Tag war er mit Harriett von Suchodoletz zum Bürgerkomitee-Treffen in Berlin. Dort hatte es ihrer Wahrnehmung nach einen vernünftigen Austausch gegeben, bis Matthias Büchner aus Erfurt und Thomas Schmidt aus Schwerin den Raum betraten. Matthias Büchner baute sich bedeutungsvoll auf, um den Satz "In den nächsten 14 Tagen fließt Blut!" zu sagen. Darauf müsse man reagieren. Es kam zur offenen Kontroverse. Büchner und andere meinten, die Stasi sei im Untergrund aktiv und bereite sich auf den großen Schlag gegen die Bürgerkomitees vor. Als Konsequenz forderte Büchner dazu auf, u.a. die Fernschreiber der Post zu besetzen und sich auf bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen vorzubereiten.

Von Saß und von Suchodoletz konnten aus Neubrandenburger Sicht solche Untergrundaktivitäten nicht bestätigen. Sie machten darauf aufmerksam, dass Bürgerkriegsvorbereitungen im Sinne Büchners derartige Aktivitäten ehemaliger Mitarbeiter eher provozieren als verhindern könnten. Außerdem hätten die Bürgerkomitees, im Falle der Richtigkeit der These Büchners, keinerlei Möglichkeit, die Auseinandersetzungen mit ehemaligen Geheimdienstmitarbeitern zu bestehen. Die Mehrzahl der Bürgerkomiteevertreter schloss sich jedoch der Erfurter Position an, den Neubrandenburgern wurde die Hilfe „bewährter Auflöser“ aus anderen Bezirken angeboten. Diese lehnten dankend ab und bestiegen ihren Zug in Richtung Neubrandenburg, ohne während der Zugfahrt bei einer Flasche Cognac Klarheit darüber gewinnen zu können, ob die anderen oder sie beide etwas verrückt wären.

Auf weitere Kontakte zum Schweriner Bürgerkomitee verzichteten die Neubrandenburger, als sie erfuhren, dass dort die Leitung der Auflösung der Stasi bei einem ehemaligen Mitarbeiter von Kartographie und Geodäsie lag und dieser allein Zugang zu den Akten hatte. Dies war nach Neubrandenburger Vorstellungen inakzeptabel. In Neubrandenburg gab es keine Einzelbesuche im Archivs oder den Karteien. Vor Beginn der gemeinsamen Arbeit hatten die vier Mitglieder der AG in Neubrandenburg sich zudem gegenseitig auf Stasi-Tätigkeit überprüft, indem sie alles, was vonseiten des MfS über die jeweils anderen gesammelt wurde, zur Kenntnis nahmen.

Der letzte Kontakt zum Rostocker Bürgerkomitee war ein telefonischer, kurz nachdem dort die Akte Schnur “gefunden“ und veröffentlicht worden war.10 In Neubrandenburg wurde befürchtet, dass die Rostocker einem “operativen Spiel“ von ehemaligen Geheimdienstlern zum Opfer gefallen waren, dessen Ziel darin bestand, alle Spitzenkandidaten der im März zur Wahl stehenden Parteien (PDS, SPD, CDU, DA) bis zum 18. März 90 als IM “auffliegen zu lassen“. Die Folgen für die Wahlbeteiligung wären beträchtlich gewesen. Kaum jemand hätte Parteien gewählt, deren Vorsitzende IM waren. Der „Absturz“ des Demokratischen Aufbruchs (DA) nach dem öffentlich Werden der IM-Tätigkeit Wolfgang Schnurs belegte dies.

In Neubrandenburg versuchte die AG daher derartige Spiele durch Gespräche mit den leitenden Mitarbeitern der ehemaligen Bezirksverwaltung des MfS zu unterbinden. Den Mitarbeitern des MfS wurde klar gemacht, dass die ganze „Stasifrage“, die sich gerade ein wenig beruhigt hatte, nach solchen Veröffentlichungen wieder neu entflammen und auf die Tagesordnung der Öffentlichkeit kommen würde.

Weitere persönliche Entwicklung ehemaliger Stasi-Auflöser

Burkhard Räuber verblieb zunächst im “Arbeitsstab des Komitees zur Auflösung des BA“ und übernahm ab Mai 1990 ein Amt in der Stadt Neubrandenburg. Jochen Köhler verblieb ebenfalls im “Arbeitsstab des Komitees zur Auflösung des BA“ und wurde später Leiter der Neubrandenburger Außenstelle des Bundesverwaltungsamtes. Keiner der „Stasiauflöser“ arbeitete bei der Gauckbehörde. Einen Aufarbeitungsverein in Nachfolge der AG oder des Bürgerkomitees gibt es in Neubrandenburg nicht, was vielleicht darin begründet war, dass die AG sich in allen Fragen um Sachlichkeit bemühte, weil es auf allen Seiten um Menschen ging:

  • bei den Opfern der nach innen gerichteten Tätigkeit des MfS, die die Macht zu spüren bekamen, die in Unsicherheit und Misstrauen gehalten werden sollten und vielfach auch gehalten wurden;

  • und bei denen, die aus tiefer Überzeugung oder auch um scheinbarer Vorteile willen, zur Stabilisierung der Macht des SED- Apparates um fast jeden Preis, missbraucht wurden oder sich auch bereitwillig missbrauchen ließen.

Die Menschlichkeit aller hat gelitten, Menschen wurden durch Machtstrukturen deformiert, durch die Macht des SED-Apparates, deren stärkstes Symbol des MfS war, sowie durch die Machtstrukturen innerhalb des MfS und der Partei.

Anmerkungen

1 von Sass, Ulrich; von Suchodoletz, Harriet:  „feindlich-negativ“. Berlin 1990

2 Burkhardt Räuber erinnert anders, er sei „alleine mit Arno Behrend im Büro von Bezirksstaatsanwalt Nemitz gewesen.“

3 Durch Owe Gluth und Thomas Tauer vom Neuen Forum

4 Am 09.12.89 wurden die Unterlagen der MfS-Kreisdienststellen in Hallen des Bezirksamtes eingelagert. Die Röbeler Unterlagen kamen erst dazu, nachdem es ein Gespräch zwischen Herrn Pollähne für das BAfNS, Ulrich von Saß für die AG und Bernd Seite für das Neue Forum Röbel gegeben hatte, in dessen Verlauf den Röbelern die Bearbeitung von Röbeler Anliegen durch Röbeler Bürger zugestanden wurde. In Ueckermünde sollten die Akten auf dem Marktplatz an ihre „wahren Besitzer“ verteilt werden.

5 Freie Erde (FE) am 11.12.89

6 Protokoll Runder Tisch am 13.03.1990

7 Protokoll Runder Tisch am 13.03.1990

8 Protokoll Runder Tisch 29.01.90. Unter nicht archivpflichtigem Archivgut wurden damals Personenunterlagen gezählt, da die staatliche Seite davon ausging, dass dieses vernichtet würden und daher nicht ins staatliche Archiv übernommen werden müßten.

9 von Sass, Ulrich; von Suchodoletz, Harriet:  „feindlich-negativ“. Berlin 1990

10 Der ehemaligen Kirchenanwalt Wolfgang Schnur, war Anfang 1990 Spitzenkandidat des Demokratischen Aufbruch und des konservativen Lagers Allianz für Deutschland.