Späte Besetzung und frühe Akteneinsicht

Das Bürgerkomitee und die Kontrolle der Stasi-Auflösung in Gera
Autoren: Michael Beleites und Roland Geipel 
(Erstveröffentlichung 1999) 1

Inhalt:

Ob den Literaten Reiner Kunze und Jürgen Fuchs, den Pfarrern Walter Schilling und Uwe Koch, den Friedensbewegten Matthias Domaschk und Roland Jahn oder den Stasi-Agenten Ibrahim Böhme und Martin Kirchner - allen war eines gemeinsam: Ihre Biographien wurden maßgeblich von der Stasi-Bezirksverwaltung Gera beeinflusst. Das Widerstandspotential im Bezirk Gera konzentrierte sich in Jena, Saalfeld und in Greiz, die Stasi aber in der Bezirksstadt Gera.

Gera - die letzte Bastion der Stasi

Am 4. Dezember um 16.45 Uhr treffen beim Leiter des Bezirksamtes Gera der „Sicherheit“ 2zwei Fernschreiben von Mielkes Nachfolger Schwanitz aus Berlin ein. Im ersten heißt es: „Ab sofort ist jegliche Vernichtung [...] von dienstlichen Unterlagen zu stoppen.“3 Das zweite beginnt mit den Sätzen: „Am heutigen Tag drang eine große Menschenmenge in das BA Erfurt ein. Weitere Objekte sind bedroht. Die Situation ist noch nicht bereinigt.“4 Nachdem am 4. Dezember vormittags die Stasi-Bezirksverwaltung in Erfurt von Demonstranten besetzt worden ist, um die Aktenvernichtung zu stoppen und sich dort ein Bürgerkomitee gebildet hat, geschieht an diesem und am darauffolgenden Tag dasselbe in fast allen anderen Bezirksstädten.

Anders in Gera: Hier nimmt die Stasi selbst die Initiative in die Hand. Am 5. Dezember 1989 wird Bezirksstaatsanwalt Frieder Eisenreich zur Stasi zitiert. In Gegenwart von ebenfalls eingeladenen Pressevertretern soll er eine Papierverkollerungsmaschine versiegeln. Außerdem lässt die Stasi ihr zentrales Archiv versiegeln, in dem aber nur die Akten der schon vor Jahren abgeschlossenen Vorgänge lagern.

Am nächsten Tag trifft wieder ein Telex von Wolfgang Schwanitz aus Berlin ein: „Da damit zu rechnen ist, dass autorisierte Kontrollgruppen, bestehend aus Vertretern staatlicher Organe sowie von Bürgerrechtsbewegungen, gebildet und in den BAfNS und anderen Diensteinheiten Arbeits- und Kontrollmöglichkeiten erhalten werden“, muss festgelegt werden, welche Dokumente gezeigt werden und welche nicht.

Zu den Dokumenten, die zur Einsichtnahme vorgelegt werden könnten, zählen neben „grundsätzlichen Regelungen zu den operativen Grundprozessen (Richtlinien)“ auch „Regelungen zum innerdienstlichen Betrieb“ und die „Dienstlaufbahnordnung“. Auf der anderen Seite heißt es: „In jedem Fall ist die Einsichtnahme in geheime Dokumente und Materialien zu verhindern, wie: IM/GMS-Unterlagen,5 einschließlich der IM/GMS-Nachweise, Dokumente zur Organisierung der Aufklärung und der Spionageabwehr“ und „OV, OPK,6 u.a. Materialien, aus denen konkrete Schlußfolgerungen zu IM möglich sind“7. Doch damit nicht genug. Man will noch einmal versuchen, die Aktenvernichtung fortzusetzen: „Es ist die Bereitschaft zu zeigen und gegebenenfalls kontrollfähige Vereinbarungen zu treffen, daß jene Unterlagen und Karteien vernichtet werden, die ‘Überwachungsmaßnahmen des ehemaligen MfS’ enthalten.“

Am 7. Dezember kommt es im Geraer Rathaus zu einer Begegnung mit Vertretern neuer und alter Parteien sowie der Kirchen. Entscheidungen jedweder Art werden auf eine Woche später vertagt. Einen Tag vor der nächsten Zusammenkunft soll allerdings einem kleinen Kreis von drei Leuten der Zutritt ins Stasi-Gelände gewährt werden.

Ebenfalls am 7. Dezember wird das „Amt für Nationale Sicherheit“ wieder einmal umbenannt. Es heißt jetzt „Amt für Nationale Sicherheit in Auflösung“. Auf dem Geraer Stasi-Gelände versteht man überhaupt nicht, warum „wir zulassen, daß unserem Staat Stück für Stück alle Machtinstrumente aus der Hand genommen [unleserlich evtl. gegeben?] werden.“ So jedenfalls steht es in dem „Aufruf zum Handeln“8, der am 9. Dezember als Telegramm das Bezirksamt Gera verläßt. Unter der Überschrift „Heute wir - morgen Ihr!“ suchen die Stasi-Genossen der Festung Gera den Schulterschluß mit den anderen Bewaffneten Organen: „In unserem Bezirksamt gibt es Erkenntnisse, dass Bestrebungen existieren, diesen ‘Volkszorn’, nachdem das Amt für Nationale Sicherheit zerschlagen ist, schnell auf die Strukturen und Kräfte der anderen bewaffneten Organe zu lenken, um diese ebenfalls zu zerschlagen! Sollte es uns allen gemeinsam nicht kurzfristig gelingen, die Anstifter, Anschürer und Organisatoren dieser haßerfüllten Machenschaften gegen die Machtorgane des Staates zu entlarven und zu paralysieren, werden diese Kräfte durch ihre Aktivitäten einen weiteren Teil der Bevölkerung gegen den Staat, die Regierung und alle gesellschaftlichen Kräfte aufbringen. Was kommt dann?“

Jedenfalls kommen keine Panzer zu Hilfe. Aber auch die „Anstifter, Anschürer und Organisatoren“ kommen nicht. Wieder wird die Stasi von sich aus aktiv. Schließlich lässt sich die Schwanitz-Strategie, eine „kontrollfähige Vereinbarung“ zur Aktenvernichtung zu erreichen, nur umsetzen, wenn man ein Gegenüber hat. Also lädt man nun die am 7. Dezember ausgewählte Dreiergruppe ein. Michael Galley (CDU) als Vertreter der alten Parteien, Tilo Wetzel (SDP) als Vertreter der neuen Parteien und den evangelischen Pfarrer Roland Geipel als Vertreter der Kirchen. Der erst seit wenigen Tagen amtierende Chef desAfNS-Bezirksamtes, Michael Trostorff9, empfängt die drei am 13. Dezember im Gebäudekomplex der Stasi-Bezirksverwaltung.

Und jetzt läuft alles nach ihrem Plan: Die Stasi-Leute demonstrieren Offenheit und breiten die von Schwanitz freigegebenen Dokumente vor den Eingeladenen aus: Man führt sie ins Archiv und zeigt die große Fülle der noch vorhandenen, archivierten Akten. Eine Akte wird sogar herausgezogen und aufgeblättert. Dann wird die soziale Sprengkraft der Akten in den düstersten Farben ausgemalt - und schließlich die Zustimmung zu ihrer Vernichtung erbeten. Um des inneren Friedens willen. Die drei sind erst mal erschlagen vom Anblick der vielen Akten. Sie erbitten sich Bedenkzeit. Am Folgetag soll beim nächsten Treffen des größeren Kreises im Rathaus ein offizieller Beschluss gefasst werden.

Am 14. Dezember treffen sich im Geraer Rathaus wieder die Vertreter der alten und der neuen Parteien, sowie der Bürgerbewegungen und der Kirchen. Auch Michael Trostorff ist anwesend, außerdem Vertreter der Polizei, des Bezirksgerichts und der Staatsanwaltschaft. Es herrscht eine eigenartige Atmosphäre. Der neuen, kritischen Öffentlichkeit wird soviel Vertrauen entgegengebracht, daß man bereit ist, sie in die Konspiration der alten Diktatur mit hineinzuziehen. Die Vernichtung der restlichen Stasi-Akten scheint beschlossene Sache. Man diskutiert nur noch die schwierige Frage, wie man die - hier und jetzt zu erteilende - Legitimation für die Aktenvernichtung solange vor der Öffentlichkeit verbergen kann, bis die letzte Akte durch den Reißwolf geschoben ist.

Kurz vor der geplanten Beschlussfassung wird Michael Beleites das Wort erteilt, der als Vertreter des Neuen Forums heute zum ersten Mal in dieser Runde ist. Er berichtet von seinem Besuch beim Dresdner Bürgerkomitee vor zwei Tagen und weist darauf hin, dass sich die Bürgerkomitees in den anderen Bezirksstädten allein aus dem Grunde zusammenfanden, die Aktenvernichtung zu stoppen. Die wichtigste Aufgabe der Bürgerkomitees sei es, die Stasi-Auflösung zu kontrollieren, damit keine weiteren Materialien vernichtet würden. Roland Geipel – der die letzte Nacht nicht geschlafen hat, weil ihm die vielen Stasi-Opfer, die er als Seelsorger begleitet hatte, durch den Kopf gingen – unterstützt sofort den Einspruch gegen die geplante Aktenvernichtung. Nach einigem Hin und Her kann erreicht werden, dass die Entscheidung bis zur kommenden Woche vertagt wird. Vor der nächsten Stasi-Verhandlung soll ein Bürgerkomitee gebildet werden.

Das Geraer Bürgerkomitee- ein besonderer Fall

Am 20. Dezember ist es soweit. Das Bürgerkomitee des Bezirkes Gera konstituiert sich. Im Gegensatz zu den Bürgerkomitees, die Anfang Dezember aus Demonstrationen oder Stasi-Besetzungen hervorgegangen sind, wird das Geraer Bürgerkomitee „repräsentativ“ zusammengesetzt: Jede Partei oder politische Gruppierung entsendet zwei Vertreter; die Evangelische Kirche drei: Jörn Mothes, Diethard Kamm und Roland Geipel. Dennoch stellen die alten Blockparteien, einschließlich der SED-PDS, die Mehrheit. Sie halten nichts davon, die Kontrolle der Stasi auf dem Gelände auszuüben. Es reiche aus, sich einmal wöchentlich vom Leiter des Bezirksamtes einen Bericht über den Stand der Stasi-Auflösung geben zu lassen.

Das neugegründete Bürgerkomitee des Bezirkes Gera trifft sich am 21. Dezember mit dem Leiter Trostorff des AfNS-Bezirksamte und dem aus Berlin neu entsandten Regierungsbeauftragten für den Bezirk Gera, Norbert Kobus. Beide informieren über den Ministerratsbeschluss vom 14. Dezember, das AfNs, zum „Amt für Verfassungsschutz“ umzubilden. Über die Frage der Aktenvernichtung wird diesmal sehr scharf diskutiert. Lediglich die Vertreter der Kirche und des Neuen Forums, Roland Geipel, Jörn Mothes, Markus Heckert und Michael Beleites sind strikt gegen eine Aktenvernichtung. Die Vertreter der SDP und des Demokratischen Aufbruchs sind unentschlossen, bzw. dafür. Die Vertreter der Blockparteien wollen unbedingt, dass – außer den Prozessakten – alle noch vorhandenen Stasi-Akten sofort vernichtet werden. Zum Glück hatten war am Vortag beschlossen worden, dass die Vertreter der Kirche als die „einzig Unabhängigen“ die Gesprächsleitung bei den Sitzungen übernehmen. Jetzt geht es darum, unter allen Umständen eine Abstimmung zur Aktenvernichtung zu verhindern. Allein dadurch, dass Jörn Mothes und Roland Geipel die Frage der Aktenvernichtung nie zur Abstimmung stellen, kann die Entscheidung von Woche zu Woche vertagt werden.

Am 22. Dezember wird zum ersten Mal das gesamte Bürgerkomitee im Stasi-Gelände empfangen. Nachdem die AfNS-Vertreter das zentrale Stasi-Archiv gezeigt haben, werden die Bürgerkomitee-Mitglieder in einen Beratungsraum geführt. Dort liegen wieder die von Schwanitz freigegebenen Dokumente auf dem Tisch. Immerhin befinden sich darunter auch Richtlinien, die regelten, wie die Überwachungsvorgänge, die OPK- und die Ovs, zu bearbeiten Doch zum Lesen ist keine Zeit.

In Begleitung von Arnold Vaatz, der als Vertreter des Dresdner Bürgerkomitees nach Gera gekommen ist, besichtigt das Geraer Bürgerkomitee am 27. Dezember die Stasi-Untersuchungshaftanstalt, die Telefonabhörzentrale, die Postkontroll-Abteilung und die Abteilung XX, die u.a. für die Verfolgung der politischen Opposition zuständig war. Die im Fotoraum der Stasi-Untersuchungshaftanstalt vorgefundene Röntgenanlage sollte das Bürgerkomitee noch lange Zeit beschäftigen. Sie war angeblich zur Paketdurchleuchtung bestimmt, befand sich aber, hinter einem Vorhang versteckt, nur einen Meter hinter dem Fotostuhl, auf dem die Häftlinge fotografiert wurden, genau in Kopfhöhe.

Als Bürgerkomiteevertreter begleiten Markus Heckert und Michael Beleites am 28. Dezember ein Fernsehteam vom Sender Freies Berlin (SFB) mit Roland Jahn bei Dreharbeiten in der Geraer Stasi-Untersuchungshaftanstalt. Die drei ehemaligen Jenenser, Thomas Auerbach, Peter Rösch und Roland Jahn besuchen mit uns das Gefängnis, in dem sie selbst als politische Gefangene gesessen hatten. In ihren früheren Zellen berichten sie vor der Kamera, was sie dort erlebt hatten. Die Zellen werden vom langjährigen Gefängnisleiter aufgeschlossen. Im Anschluss an die Gefängnisbesichtigung wird Herr Trostorff von Roland Jahn interviewt. Er bestätigt vor laufende Kamera, dass das Geraer Bezirksamt immer noch im Besitz sämtlicher Waffen ist.

Zur Bürgerkomiteesitzung am 3. Januar 1990 stößt auch der amtierende BA-Leiter, Michael Trostorff. Bei ihm ist auch Jürgen Seidel, der jetzt als Leiter der dreiköpfigen Auflösungskommission an der Seite des Regierungsbeauftragten die Auslösung vorantreiben soll. Vorher war er der stellvertretende Leiter der Stasi-Bezirksverwaltung und für die Koordinierung der geheimpolizeilichen Arbeit in der Region zuständig. Seidel gibt dem Bürgerkomitee einen Bericht über die Zahl der entlassenen Mitarbeiter und übergebenen Gebäude. Aufgrund des am Vorabend ausgestrahlten Trostorff-Interviews hat der Regierungsbeauftragte Kobus die Entwaffnung des BA angeordnet, die am 6. Januar unter Kontrolle von Bürgerkomiteemitgliedern beginnen soll.

Für das erste DDR-weite Koordinierungstreffen der Bürgerkomitees am 4. und 5. Januar in Leipzig hat das Geraer Bürgerkomitee Jörn Mothes und Michael Beleites benannt. In Leipzig erfahren sie nun, was bisher nur die Stasi-Leute wussten: Gera ist neben Karl-Marx-Stadt die einzige der 15 ehemaligen Stasi-Bezirksverwaltungen, in der die Auflösung nicht permanent von einem Bürgerkomitee, das im Stasi-Gebäude arbeitet, kontrolliert wird. Das geht nun schon seit annähernd vier Wochen so. Michael Beleites setzt sich nach dieser Information sofort telefonisch mit den Geraern in Verbindung, um einen Termin für die dortige Stasi-Besetzung zu vereinbaren. Denn soviel ist klar: Auch in Gera muss in allernächster Zeit die Stasi-Zentrale „besetzt“ werden, egal ob die im Bürgerkomitee vertretenen Blockparteien das wollen oder nicht.

Die Besetzung

In Gera spitzt sich derweil die Lage zu. Dem Bürgerkomitee droht an jenem 4. Januar die Initiative aus der Hand genommen zu werden. Die Route der wöchentliche Donnerstags-Demo verläuft an diesem Tag von der Johanniskirche aus am Theater vorbei in Richtung Stasi-Bezirksverwaltung. Während der Großteil des Demonstrationszuges an dem Stasi-Komplex vorbei zieht, spaltet sich eine Gruppe von Demonstranten ab, die – stark angetrunkene Leute vornweg – auf das hintere Tor des Stasi-Geländes losstürmt. Und schon wird an dem verschlossenen Tor gerüttelt, geklopft und gebrüllt. Rolf Buchner von der SDP denkt an die noch immer brechend vollen Waffenkammern – und stellt sich vor die jungen Leute. Roland Geipel wird aus dem vorderen Teil des Demonstrationszuges herbeigeholt. Auch er stellt sich vor den gewaltbereiten Leuten auf. Doch erst als die laute Stimme Buchners die am Tor brüllenden Menschen zur Ruhe bringt, wird Roland Geipel gehört: „Ihr kommt hier nur hinein, wenn Ihr über mich drüberrennt!“ Es gelingt ihm schließlich – nahezu unter Einsatz seines Lebens –, die extrem aufgebrachten Leute zur Umkehr zu bewegen.

Einige Stunden später drängen ca. 30 bis 40 Menschen durch das vordere Tor in das Stasi-Gelände. Unter ihnen ist Roland Jahn mit einem Kameramann und etlichen Leuten aus Jena. Auch sie wollen die Stasi besetzen. Immerhin werden sie im Seitengebäude zu einem Gespräch empfangen. Später kommen Roland Geipel und der Schriftsteller und Bürgerrechtler, Karsten Dümmel, dazu. Roland Jahn wird nicht weiter vorgelassen, weil er Bundesbürger ist. Nach heftigen Diskussionen zu mitternächtlicher Stunde wird Roland Geipel mit zwei weiteren Leuten ausgewählt, um die Stasi-Waffenkammern zu besichtigen und den aktuellen Bestand aufzulisten. Dann verlässt die übrige Gruppe das Stasi-Gelände. Roland Geipel ist nachts um drei wieder zu Hause. Zu einer dauerhaften Besetzung des Geraer Stasi-Geländes kommt es auch in dieser Nacht nicht. Als am 5. Januar Jörn Mothes und Michael Beleites aus Leipzig zurückkommen, wird vereinbart, dass der Termin am nächsten Morgen zur Kontrolle des Waffenabtransports genutzt werden soll, um dann als Bürgerkomitee endgültig im Stasi-Gelände drin zu bleiben.

Einige Stunden später drängen ca. 30 bis 40 Menschen durch das vordere Tor in das Stasi-Gelände. Unter ihnen ist Roland Jahn mit einem Kameramann und etlichen Leuten aus Jena. Auch sie wollen die Stasi besetzen. Immerhin werden sie im Seitengebäude zu einem Gespräch empfangen. Später kommen Roland Geipel und der Schriftsteller und Bürgerrechtler, Karsten Dümmel, dazu. Roland Jahn wird nicht weiter vorgelassen, weil er Bundesbürger ist. 

Nach heftigen Diskussionen zu mitternächtlicher Stunde wird Roland Geipel mit zwei weiteren Leuten ausgewählt, um die Stasi-Waffenkammern zu besichtigen und den aktuellen Bestand aufzulisten. Dann verlässt die übrige Gruppe das Stasi-Gelände. Roland Geipel ist nachts um drei wieder zu Hause. Zu einer dauerhaften Besetzung des Geraer Stasi-Geländes kommt es auch in dieser Nacht nicht. Als am 5. Januar Jörn Mothes und Michael Beleites aus Leipzig zurückkommen, wird vereinbart, dass der Termin am nächsten Morgen zur Kontrolle des Waffenabtransports genutzt werden soll, um dann als Bürgerkomitee endgültig im Stasi-Gelände drin zu bleiben.

Am Morgen des 6. Januar 1990 gehen nur fünf Personen zur Stasi—Entwaffnung und -Besetzung. Roland Geipel und Rolf Buchner (SDP) begleiten den Abtransport der Waffen. Bernd Bergner (Neues Forum), Jörn Mothes und Michael Beleites gehen in die Chefetage des Bezirksamtes, um über die Möglichkeit einer ständigen Kontrolle der Stasi-Auflösung zu verhandeln. Leiter Trostorff ist an diesem Tag nicht in Gera. Der Kommissionsvorsitzende Seidel wird zu Hause angerufen, um die Verhandlungen fortzuführen. Er kommt sofort, und ihm werden die Forderungen des Bürgerkomitees vorgetragen. Es gibt eine kurze Diskussion, ob die Gruppe das gesamte Bürgerkomitee repräsentiert oder nicht. Der ehemalige Oberst Seidel fragt: „Haben die SED und die CDU ihre Zustimmung dazu gegeben?“. Schließlich aber akzeptiert er die drei als Verhandlungspartner. Die konkrete Verfahrensweise der ständigen Kontrolle durch Bürgervertreter müsse am darauffolgenden Tag mit Herrn Trostorff vereinbart werden. Doch er stellt dem Bürgerkomitee sofort einen Arbeitsraum mit Telefon innerhalb der Stasi-Bezirksverwaltung zur Verfügung - und gibt ein Päckchen Kaffee, eine Kaffemaschine und vier Tassen dazu.

Die kontrollierte Stasi-Auflösung

Um die Stasi-Auflösung effizient zu kontrollieren, braucht man eine größe Anzahl verlässlicher Leute. Aus dem offiziellen Bürgerkomitee sind nur sechs Mitglieder bereit, sich an den Kontrollaufgaben vor Ort zu beteiligen. Es ist Samstag. Am Montag, bei Dienstbeginn, muss das Bürgerkomitee handlungsfähig sein. Ununterbrochen sitzen die „Besetzer“ am Telefon und versuchen, Freunde und Bekannte zur Unterstützung zu gewinnen. Viele erklären sich spontan bereit, zur Stasi-Auflösung zu kommen. Und diese Leute mobilisieren wiederum ihre Bekannten und die ihre. Schließlich steht die Gruppe vor der Aufgabe, die Kontrolle der Stasi-Auflösung zu koordinieren, und das mit vielen Leuten, die sie genauso wenig kennt, wie die Stasi-Mitarbeiter. Immer wieder müssen angetrunkene und gewaltbereite Leute oder offenkundige Psychopathen zurückgehalten werden, damit die Sache nicht eskaliert. Wie auch an anderen Orten, investiert die Kerngruppe des Geraer Bürgerkomitees den geringeren Teil ihrer Kraft dafür, die SED-Diktatur zurückzudrängen und die Stasi aufzulösen. Den weitaus größeren Teil ihrer Zeit und Energien verwendet man dafür, dass dieser Prozess gewaltfrei abläuft.

Am Sonntag, dem 7. Januar, findet ein weiteres Treffen mit den AfNS -Vertretern statt, um über die Modalitäten der Bürgerkontrolle zu auszuhandeln. Dabei wird erreicht, dass die Arbeitsräume der Stasi erst wieder freigegeben werden, wenn alle dienstlichen Unterlagen unter Kontrolle von Bürgervertretern herausgenommen und in gesonderten Räumen sichergestellt worden sind. Wie die anderen Bürgerkomitees müssen sich jetzt auch die Geraer darauf einlassen, in einer „Sicherheitspartnerschaft“ mit der Staatsanwaltschaft und der Volkspolizei zusammenzuarbeiten – die bis dahin sogenannte „Partner des politisch-operativen Zusammenwirkens“ der Stasi waren. Die Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei schickt als „Sicherheitspartner“ genau die Abteilung zur Stasi-Auflösung, die noch im November Polizeifahrzeuge mit Mähdreschermessern gegen Demonstranten ausrüsten wollte.

Die kontrollierte Stasi-Auflösung beginnt am Montag, den 8. Januar , auch in Gera. Viele Menschen sind spontan hinzugekommen und haben zum Teil extra Urlaub genommen, um bei der Kontrolle der Stasi-Auflösung zu helfen. Beim Bürgerkomitee werden Gruppen zusammengestellt, in denen je gleich viele Bürgervertreter und Polizisten zusammen mit einem Staatsanwalt für eine Stasi-Abteilung zuständig sind. Dort werden dann Raum für Raum die zuständigen Stasi-Leute aufgerufen, die unter Kontrolle ihre Privatsachen herausnehmen dürfen und die Dienstsachen in einen jeweiligen Depotraum bringen müssen, welcher dann versiegelt wird. In den Fluren, wo sich an jenem Montagmorgen die bis dahin nichts ahnenden Stasi-Mitarbeiter stauen, die ihre Zimmer nicht mehr allein betreten dürfen, kommt es zu tumultartigen Szenen. Michael Trostorff gelingt es, seine Leute zu beruhigen. Die meisten werden sofort wieder nach Hause geschickt, da pro Tag höchstens eine Abteilung auf diese Weise geräumt werden kann.

Entwaffnung und Putsch-Nachrichten

Während Roland Geipel an jenem ersten Tag der kontrollierten Stasi-Auflösung die immer noch laufende Waffenauslagerung begleitet, bemüht sich Michael Beleites darum, die Aufgaben zwischen den einzelnen Gruppen bei den Zimmerberäumungen, dem Waffenabtransport und dem Büro des Bürgerkomitees zu koordinieren. Als er sich am späten Vormittag zur zentralen Waffenkammer begibt, um sich zu erkundigen, wann die Bürgervertreter abgelöst werden müssen, bietet sich ihm folgendes Bild: Roland Geipel diskutiert aufgeregt mit dem Einsatzleiter der Polizei. „Weitermachen oder abbrechen“, ist die Frage, die immer wieder fällt. Der Leiter der Bewaffnungsabteilung der Stasi-Bezirksverwaltung, der bisher die Waffen herausgegeben hatte, sitzt bewegungslos auf einer Munitionskiste – seinen Kopf in beide Hände gestützt, mit Tränen in den Augen. Dabeistehende Polizisten blicken wie versteinert in die Luft. Aus dem im Raum stehenden Radio tönt laute Musik. Auf die ängstliche Frage, was denn hier passiert sei, erhält Michael Beleites eine Antwort, die unfassbar ist: Wenige Minuten vorher sei in den Nachrichten gesagt worden, dass das Geraer Bezirksamt für Nationale Sicherheit zum bewaffneten Putsch gegen die „reaktionären Kräfte“ aufgerufen habe. In der Geraer Stasi-Waffenkammer weiß in diesem Moment niemand etwas Genaueres. Dass der Aufruf einen Monat alt ist, aber erst jetz bekannt worden ist, ahnt keiner. Alle haben das Gefühl, auf einem riesigen Pulverfass zu sitzen. Die größte Angst von allen hat wahrscheinlich der Bewaffnungs-Abteilungsleiter, weil er am genauesten weiß, welche Sprengkraft in den hier herumstehenden Kisten steckt. Die zentrale Waffenkammer steht offen, Maschinengewehre, Pistolen, Panzerabwehrwaffen und die dazugehörige Munition liegen frei herum. Jeder der Anwesenden könnte sofort zugreifen. Und alles an dem Tag, als innerhalb des Geraer Stasi-Gebäudekomplexes zum ersten Mal spontan hereingekommene Bürger mit einfachen Stasi-Mitarbeitern zusammentreffen. Die Lage erscheint äußerst explosiv. Man einigt sich darauf, dass die Waffen hier so schnell wie möglich weg geschafft wereden müssen und entschließt sich dazu, die Entwaffnung fortzusetzen. Insgesamt werden fünf oder sechs Lkw mit Hänger voller Waffen und Munition aus der Geraer Stasi-Bezirksverwaltung in ein Depot der Armee abtransportiert.

Roland Geipel und Michael Beleites gehen sofort zum Leiter Trostorff, um ihn nach den möglichen Hintergründen des „Putsch-Aufrufs“ zu fragen. Er sitzt in seinem Dienstzimmer vor dem Fernseher. Im zweiten Programm des DDR-Fernsehens läuft die Direktübertragung der Verhandlungen am Runden Tisch in Berlin. Jetzt erfahren die Bürgerkomiteemitglieder, was passiert ist: Am Runden Tisch wurde über Modrows Plan diskutiert, die Stasi zum „Amt für Verfassungsschutz“ umzubilden. Die neuen Parteien und Bürgerbewegungen lehnten dies prinzipiell ab. Als Vertreter des Neuen Forums hatte Rolf Henrich auf die Nichtreformierbarkeit der Stasi hingewiesen, indem er den Aufruf des Bezirksamtes für Nationale Sicherheit Gera vom 9. Dezember verlas, der an alle bewaffneten Organe u.a. Systemnahe gerichtet war und zur „Paralysierung“ der oppositionellen Bewegungen aufgefordert hatte.

Auf diesen Aufrufg angesprochen ruft der amtierende Leiter Trostorff seine ehemligen Kollegen Seidel und der bringt das Fernschreiben vom 9. Dezember, das mit dem von Rolf Henrich vorgelesenen Geraer „Putsch-Aufruf“ identisch ist. Michael Beleites und Roland Geipel bitten den ehemaligen Stasi-Mann Trostorff, schnell eine Presseerklärung zu verfassen, um der Öffentlichkeit klar zu machen, dass es keinen aktuellen „Putsch-Aufruf“ des Geraer Bezirksamtes gibt.

In den Tagen danach geht es nicht mehr nur um die Beräumung der Arbeitszimmer, sondern auch um zahlreiche Außeneinsätze. Überall, wo Bunker oder Konspirative Wohnungen gefunden werden, müssen Vertreter des Bürgerkomitees vor Ort sein – und mitunter sogar noch verstaubte Ulbricht-Bilder von den Wänden nehmen. Überall, wo gestreikt wird, um die Stasi-Spitzel der eigenen Belegschaft genannt zu bekommen, muss man hinfahren – und erklären, warum das im Moment nicht geht. Die ersten beiden Januarwochen bringen die Koordinierungsgruppe des Bürgerkomitees bis an den Rand der physischen Erschöpfung. Von morgens um sechs bis nachts um zwölf bemühen sie sich darum, die Stasi-Auflösung voranzubringen und ihre Kontrolle so zu organisieren, dass sie effektiv aber gewaltfrei verläuft. Ohne die viele Schokolade von Susanne Geipel und den Stasi-Kaffee von Oberst Seidel hätte man das kaum durchgehalten.Nach und nach stoßen Menschen dazu, die die Kontrollarbeiten nicht nur sporadisch unterstützen, sondern längerfristig und verläßlich dabeibleiben und schließlich selbst Verantwortung übernehmen. Von denjenigen, die auch später noch lange in der Gauck-Behörde tätig waren, ist Andreas Bley ab dem 11. Januar dabei, Andreas Schmidt ab dem 12. Januar und Reinhard Kessler ab dem 31. Januar.

Aktenöffnung

Lange genug hat das Bürgerkomitee Stasi-Akten gesichert und über deren Verbleib diskutiert, ohne genauer zu wissen, was überhaupt in den Akten steht. Jetzt wollen Mitglieder des Bürgerkomitees endlich einmal in Stasi-Akten hineinsehen – und zwar in die eigenen. Nur so ist es möglich, den Charakter solcher Akten tatsächlich zu beurteilen. Nach langen Verhandlungen gibt der Regierungsbeauftragte für den Bezirk Gera, Norbert Kobus, schließlich seine Zustimmung, dass Michael Beleites und Roland Geipel ihre Stasi Akten einsehen.

Schließlich sitzen am 1. März alle vier im Dienstzimmer des Geraer BV-Chefs: Roland Geipel und Michael Beleites haben die aufgefundenen Bestandteile ihrer Akten vor sich. Michael Trostorff und Norbert Kobus sitzen auf der anderen Seite des Tisches, sind wohl ebenso aufgeregt und beobachten argwöhnisch die Gesichter ihrer Gegenüber. Plötzlich müssen die Leser lachen. Die vielen albernen Tarnnamen, nicht nur der Spitzel sondern auch der Bespitzelten. Ihre Freunde hießen bei der Stasi „Zentrum“ und „Kerze“, „Rakete“ und „Reaktor“. Sie selbst wurden seit Jahren als OPK „Freiraum“ und OV „Entomologe“ „bearbeitet“. Roland Geipel beginnt laut vorzulesen. Der letzte Satz einer IM-Vorlauf-Akte lautet: „Geipel ist für eine Zusammenarbeit mit dem MfS ungeeignet.“ Michael Beleites fügt aus seiner OV-Akte hinzu: „Charakterlich ist der B. sehr willensstark, dabei jedoch eigensinnig und im gewissen Rahmen sporadisch und unberechenbar.“ Michael Trostorff erwidert: „Ich sag’s ja, es steht viel Wahres in den Akten.“

Und genau dies können die Leser der Akten bestätigen: Für nahezu alle Behinderungen und Ungerechtigkeiten, die ihnen in den vorangegangenen Jahren widerfahren waren, finden sich in den Akten minutiöse „Maßnahmepläne“. Und auch die Rolle der Spitzel und Agenten wird trotz Decknamen schnell durchsichtig und differenziert beurteilbar. Es gibt arme Schweine und üble Schweine unter den IM’s. Und der einzige IM, der sowohl in der OPK „Freiraum“ als auch im OV „Entomologe“ vorkommt, ist auch jetzt ganz in der Nähe: Der IM „Eberhard“ sitzt von Anfang an mit im „repräsentativen“ Geraer Bürgerkomitee – erst als Vertreter des Demokratischen Aufbruchs, dann als Vertreter von amnesty international. Er ist allerdings nur einer von 7 IM’s unter den 25 Bürgerkomitee-Mitgliedern.

Zweierlei wird deutlich: Eine Offenlegung der Stasi-Akten für Betroffene erscheint gerade vor dem Hintergrund der heimlichen „Zersetzungsmaßnahmen“, mit denen sie psychisch kapuut gespielt werden sollten, zwingend notwendig. Nur so kann den Opfern der politischen Verfolgung ein Stück der ihnen geraubten Würde zurückgegeben werden. Andererseits ist dazu ein geregeltes Verfahren notwendig, um die Persönlichkeitsrechte Dritter zu wahren, die in den Akten erwähtn werden. Das Modell „jeder bekommt seine Akte zugeschickt“ ist mit der detaillierten Kenntnis solcher Akten nicht mehr ohne weiteres zu empfehlen.

Noch am selben Tag, dem 1. März 1990, schreiben Roland Geipel und Michael Beleites einen „Vorschlag zur Vorgehensweise mit personenbezogenen Aktenmaterialien des ehemaligen MfS“, für die Berliner Koordinierungsgruppe der Bürgerkomitees und den Runden Tisch. Darin heißt es, betroffenen Personen „muss eine vollständige Einsichtnahme in ihre personenbezogenen Akten gewährt werden“.

Eigene Wege bei der Aktenöffnung

In den Wochen darauf werden die Akten in der Geraer Stasi-Bezirksverwaltung zentralisiert: Die Akten aus den einzelnen Abteilungen werden jetzt alle in das Zentralarchiv transportiert. Die „heiße Phase“ der kontrollierten Stasi-Auflösung geht ihrem Ende entgegen. Jetzt, so glauben die aktivsten Mitglieder und Mitarbeiter des Bürgerkomitees, könne man mit einer Auswertung der Akten und damit der Stasi-Tätigkeit im Bezirk Gera beginnen. Es wird eine „Untersuchungsgruppe“ des Bürgerkomitees gegründet, die – in Anlehnung an den herausragenden Bericht aus Neubrandenburg, der gerade erschienen ist – sowohl Lageberichte als auch ausgewählte Überwachungsvorgänge, wie „Operative Personenkontrollen“ und „Operative Vorgänge“ aus dem Bezirk, dokumentieren und auswerten will. Doch diesem Vorhaben wird seitens der am 18. März gewählten Regierung nicht stattgegeben. Jetzt werden eigene Wege gesucht.

Nachdem er seine Akte wieder ausfindig gemacht hat, kommt Michael Beleites mit Fotoapparat, zehn Filmen und einer Handvoll Blitzlichtbatterien zur Stasi-Dienststelle. In einem abgelegenen Raum verfilmt er seine Akte nebst OV-Richtlinie. Dann kann er sie einen Tag später über Nacht mit herausnehmen und ordentliche Kopien machen. Freunde raten ihm, die Akte zu veröffentlichen, schließlich müssten die Methoden der Stasi publik gemacht werden. Die „umfangreichen Offensivmaßnahmen“ der Stasi gegen ihn und seine Untergrundschrift „Pechblende“10 von 1988 sind dazu bestens geeignet. Also beginnt er, ein Manuskript vorzubereiten.

Auch später, 1990 und 1991 können in Gera „unbürokratisch“ weitere Überwachungsvorgänge von den „Vorgangspersonen“ selbst reproduziert und ausgewertet werden. Neben Michael Beleites können bald auch der Schriftsteller Reiner Kunze und der oppositionelle Pfarrer Walter Schilling ihre umfangreichen Akten auswerten – und ab Ende Oktober 1990 ist der Dissident und Schriftsteller Jürgen Fuchs ständiger Gast in Gera. Er analysiert anhand von Geraer Akten nicht nur Teile seines eigenen Falls, sondern weitaus größere Zusammenhänge der Jenenser Oppositionsgeschichte. Das Stasiunterlagen-Gesetz, erlaubt seit Januar 1992 die Einsicht in Stasi-Akten für Betroffene, Wissenschaft und Medien. Wenn es nicht beschlossen worden wäre – und die Gefahr bestand, hätten im Wesentlichen nur die diese Akten aus Gerade, die Arbeitsweise der Stasi, insbesondere die Zersetzungsmethoden offen legen und bezugen können.11

Für die Geraer Kerngruppe des Bürgerkomitees, zu der Markus Heckert, Jörn Mothes, Andreas Bley, Andreas Schmidt, Reinhard Kessler, Roland Geipel und Michael Beleites zählen, ist ein eigenverantwortlicher und eigenständiger Beginn der Aktenauswertung die logische Konsequenz der Aktensicherung durch das Bürgerkomitee. Es ist dem rechtzeitigen Inkrafttreten des Stasiunterlagen-Gesetzes zu verdanken, dass das parktizierte „Geraer Modell“ der Aktenöffnung nie als solches in die Schlagzeilen gekommen ist.

Anmerkungen

1 Horch und Guck, Heft 25 (1/1999). S. 7-14.

2 Seit Mitte November war das Ministerium für Staatssicherheit in Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) und die Bezirksverwaltungen in Bezirksämter umbenannt, (BAfNS)

3 Link in Arbeit

4 Link in Arbeit

5 GM sind den inoffiziellen Mitarbeitern (IM) ähnliche Informanten des MfS, die aber in der Regen staatsnah sind.

6 Operativer Vorgänge (OV) und Operative Personen-Kontrollen (OPK) waren Überwachungsvorgänge des MfS.

7 Link in Arbeit

8 Link in Arbeit

9 vorher der Stasi-Abteilungsleiter für Spionageabwehr

10 Michael Beleites beschäftigte sich in der Pechblende mit dem Uran-Abbau in der DDR, bis dato ein Tabu-Thema.

11 In Leipzig wurde in einem ähnlichen Verfahren dem Schriftsteller Erich Loest schon früh seine Akte zugänglich gemacht